Arbeitshilfe zum Nachschlagen und Durchrechnen: Begriffe und Techniken des Projektmanagements (gegliedert nach PMBOK Guide 8. Edition, ergänzt um PRINCE2 und deutsche Verwaltungspraxis), dazu vollständig durchgerechnete Beispiele, Grafiken und vier interaktive Rechenwerkzeuge. Die Texte ersetzen nicht das Original; zum Nachlesen ist jeweils der passende Teil des Guides genannt.
Beispielprojekt für das ganze Werk
„E-Akte 2026“ — Einführung eines Dokumentenmanagementsystems in einer Stadtverwaltung: 8.000 digitale Akten, drei Fachämter, 140 Endanwender. Gesamtbudget (BAC) 120.000 €, Laufzeit Januar bis August 2026 (8 Monate), Projektleitung (PL), Lenkungsausschuss (LA) mit Kämmerer, IT-Leitung und Erstem Beigeordneten. Die Kernphase „Migration im Pilotamt“ wird in Teil 2 als Netzplan mit 6 Vorgängen (A bis F) über 14 Wochen durchgerechnet; Teil 3 steuert das Gesamtprojekt monatlich nach Earned-Value-Methode.
1Grundlagen: Controlling-Zielbild, Charta, Ziele, Stakeholder, Rollen
Ohne geklärten Auftrag, messbare Ziele und bekannte Beteiligte ist jedes Controlling Zahlenrausch. Teil 1 legt das Fundament, auf dem alle Kennzahlen der Teile 3 bis 7 erst sinnvoll werden.
1.1 Was ist Projektcontrolling?
Was ist es? Projektcontrolling ist das fortlaufende Vergleichen von Soll (genehmigter Plan) und Ist (gemessener Stand) mit dem Ziel, frühzeitig zu erkennen, ob Ziele, Termine oder Budget gefährdet sind, und rechtzeitig gegenzusteuern. Es ist Führungsfunktion, nicht Bürokratie: Zahlen dienen Entscheidungen, nicht der Rechtfertigung.
Wofür? Damit Abweichungen erkannt werden, solange noch Handlungsoptionen existieren — ein um zwei Monate erkannter Terminverzug ist eine Plananpassung, ein um acht Monate erkannter ein Projektminenfeld.
So geht's (Kernzyklus, wiederholt monatlich oder pro Sprint):
- Basis schaffen: genehmigte Baseline für Umfang, Termin, Kosten (Teil 2). Ohne Baseline kein Soll.
- Ist messen: Fertigstellungsgrade und Kosten erfassen, einheitlich und zum Stichtag.
- Vergleichen: Abweichungen und Kennzahlen bilden (SPI, CPI — Teil 3).
- Interpretieren: Ursachen klären — Kennzahlen zeigen dass, nie warum.
- Entscheiden und nachfassen: Maßnahmen wirken lassen und Wirkung im nächsten Zyklus prüfen.
Typische Fehler
Vergleich gegen den letzten Plan statt gegen die Baseline (jede Anpassung „ Normalisierung“); Messstichtage, die jeder Partner anders legt; Controlling als Monatsritual ohne Entscheidung; Zahlen sammeln, aber Ursachen nie vor Ort klären.
1.2 Projektcharta (Projektauftrag)
Was ist es? Eine ein- bis zweiseitige Urkunde, in der der Auftraggeber das Projekt formal bevollmächtigt: Ziel, Nutzen, Umfang, Budgetrahmen, Rollen, Berichtswesen und Entscheidungswege. Beim öffentlichen Sektor oft „Projektbeschluss“ mit Dienstanweisungscharakter.
Wofür? Die Charta ist die Legitimation der Projektleitung („wer bestimmt hier eigentlich?“) und der Referenzpunkt für jede spätere Änderung (Teil 6). Ohne sie ist jedes Controlling gegen ein bewegliches Ziel.
So geht's — Mindestbestandteile: Auftrag und Hintergrund · SMART-Ziele · grober Umfang mit Abgrenzung („nicht Gegenstand: …“) · Meilensteine · Budget und Freigabeinstanzen · Organisation (PL, LA, Kernteam) · Berichtspflichten · benannte Risiken am Start · Unterschriften.
Beispiel: Charta-Auszug „E-Akte 2026“
| Feld | Eintrag |
|---|---|
| Auftrag | Einführung DMS „Akte24“ in drei Ämtern bis 31.08.2026, Pilotamt Bauamt ab 04.05.2026 |
| Ziel | 8.000 Altakten digital verfügbar; Auskunftsdauer je Akt von 3 Tagen auf 30 Minuten senken |
| Nicht Gegenstand | Akte born-digital neu ab 2027; Umbau des Archivs |
| Budget | 120.000 € Kostenbasis inkl. 23.000 € Risikoreserve; Freigaben > 5.000 € durch LA |
| Organisation | PL: Frau Hoffmann (50 %); LA: Erster Beigeordneter, Kämmerer, IT-Leiter; monatlicher Statusbericht |
Typische Fehler
Charta ohne Abgrenzung („nicht Gegenstand“) — Tür offen für Scope Creep; Ziele ohne Messgröße; Charta geschrieben und nie wieder gelesen, obwohl sich Rahmenbedingungen ändern.
1.3 Ziele nach SMART
Was ist es? Prüfmaßstab für Zielformulierungen: Spezifisch, Messbar, Akzeptiert (durch Auftraggeber), Realistisch, Terminiert. Jedes Ziel muss ohne Interpretation messbar und einem Berichtstermin zuordenbar sein.
Wofür? Nur messbare Ziele lassen sich controllen; das Ziel ist zugleich Abnahmekriterium (Teil 8 Glossar: Abnahme) und Messlatte für den Nutzen (Business Case).
Durchgearbeitet: zwei Formulierungen prüfen
| Schwach | SMART-verbessert | Prüfung |
|---|---|---|
| „Abläufe werden digitalisiert.“ | „Bis 31.08.2026 sind 8.000 Altakten (Zählung im DMS) eingescannt und mit Aktenplan verknüpft; Stichprobe 200 Akten ohne falsche Zuordnung.“ | SMART |
| „Anwender sind zufriedener.“ | „Bis 30.09.2026 erreichen 70 % der 140 Anwender in der jährlichen Umfrage mindestens 3,5 von 5 Punkten bei „Akte auffindbar“.“ | Messgröße und Termin ergänzt; Realismus aus Vorjahresumfrage (3,1) geprüft |
Typische Fehler
Messgröße ohne Datenquelle („Woher kommt die Zahl?“); Ziele, die nur das Produkt, nicht die Wirkung beschreiben; sechs „Hauptziele“, von denen keines messbar ist.
1.4 Stakeholder-Analyse
Was ist es? Systematisches Erfassen aller Personen und Gruppen, die das Projekt beeinflussen oder von ihm betroffen sind, und Einordnen nach Einfluss (Macht) und Interesse. Ergebnis ist ein Stakeholderregister plus Behandlungsstrategie je Quadrant.
Wofür? Widerstand erzeugt Termin- und Budgetrisiken. Wer die Träger von Entscheidungen kennt, plant Kommunikation und Eskalationswege (Teil 6) gezielt statt diffus „alle zu informieren“.
So geht's: (1) Brainstorming mit Kernteam und Auftraggeber, auch Kritiker benennen · (2) je Stakeholder: Rolle, Interesse, Haltung (ablehnend bis führend), Erwartung an Information · (3) Einordnung in die Matrix · (4) Maßnahmen je Quadrant · (5) alle 2–3 Monate fortschreiben — Haltungen verschieben sich.
Maßnahmen je Quadrant
Hoher Einfluss + hohes Interesse → eng steuern (persönlich, wöchentlich, in Entscheidungen)
Hoher Einfluss + geringes Interesse → zufriedenstellen (kurz, faktisch, keine Überraschungen)
Geringer Einfluss + hohes Interesse → informieren (regelmäßig, kanalbasiert)
Geringer Einfluss + geringes Interesse → beobachten (auf Abruf)
Typische Fehler
Nur Befürworter analysieren; Analyse einmalig zum Start; Stakeholder als statisch behandeln; heikle Einordnungen (z. B. „ablehnend“) nicht verschriftlichen, sodass Nachfolge-PM das Wissen verliert.
1.5 RACI-Matrix
Was ist es? Tabelle, die je Aufgabe/Arbeitspaket genau eine Person Accountable (gesamte Verantwortung, genau eine je Aufgabe), ein oder mehrere Responsible (durchführend), Consulted (vor Entscheidung zu hören) und Informed (nach Entscheidung zu informieren) zuordnet.
Wofür? Der häufigste Konflikthebel im Projektcontrolling ist unklare Entscheidungszuständigkeit („dachte, das macht die IT“). RACI macht Verantwortung vorab prüfkbar.
So geht's: Zeilen = Arbeitspakete/Entscheidungen aus dem Projektstrukturplan (Teil 2.1), Spalten = Rollen. Regel prüfen: je Zeile genau ein A; je Person nicht überall A; C sparsam (jedes C kostet Abstimmungszeit).
| Aufgabe / Entscheidung | PL | Auftraggeber (LA) | IT-Leitung | Fachabteilung Pilotamt | Dienstleister |
|---|---|---|---|---|---|
| Projektstrukturplan fortentwickeln | A R | I | C | C | I |
| Freigabe Baseline (Termin/Kosten) | R | A | C | I | I |
| Altdaten bereinigen (AP C) | I | C | A R | R | |
| Migration durchführen (AP D) | A | I | C | C | R |
| Abnahme Pilotphase | R | A | C | C | I |
| Change Requests entscheiden (bis 5.000 €) | A | I | C | C | I |
Typische Fehler
Zwei A in einer Zeile (Doppelverantwortung = keine); Gremien als A eintragen; RACI über 60 Zeilen aufblähen statt auf steuerungsrelevante Aufgaben zu konzentrieren; nie mit Beteiligten durchgesprochen.
1.6 Projektorganisation (OBA)
Was ist es? Die Aufbau- und Ablauforganisation des Projekts: reine, Matrix- oder Einflussprojektorganisation. Im öffentlichen Sektor fast immer Matrix: Teammitglieder bleiben fachlich ihrer Behörde zugeordnet, arbeiten projektisch für begrenzte Wochenstunden.
So geht's: OBA zeichnen (wer berichtet an wen, wer entscheidet was), weekly hours der Projektmitarbeiter schriftlich mit Fachvorgesetzten vereinbaren, Stellvertretungen benennen, Schnittstellen zur Linie definieren (wer macht Betrieb nach Go-live — Teil 8: Übergabe in den Betrieb).
Beispiel: Matrix-Konsequenz beim „E-Akte 2026“
Die zwei Key-User des Bauamts sind zu 60 % für das Projekt eingeplant. Der Amtsleiter reserviert sie im Mai zusätzlich für eine Jahresstatistik. Ohne Abstimmung drohen 2×0,6 Personemonate = ca. 96 Personentage Verzug — im Netzplan (Teil 2.3) liegt Vorgang E (Testdaten prüfen) genau dann mit 3 Wochen Puffer. Konfliktlösung: Statistik auf Juni verschoben, weil E Puffer hat. Das ist Controlling vor der Zahl: Organisationswissen wirkt, bevor Kennzahlen es melden.
Typische Fehler
Einplanung „mit 100 %“ obwohl Linie mitzählt (Realistisch: 60–80 % netto); keine Stellvertretung für PL; Betriebsübergabe nicht in der OBA verankert.
2Planung: Strukturplan, Terminplan, Netzplan, Schätzen
Planung erzeugt die Baseline — das Soll, gegen das alle Teile 3 bis 7 messen. Kern dieses Teils: ein Netzplanbeispiel mit 6 Vorgängen, das von der Vorwärts- bis zur Rückwärtsrechnung vollständig Schritt für Schritt durchgerechnet wird.
2.1 Projektstrukturplan (WBS / PSP)
Was ist es? Hierarchische, lückenlose Zerlegung des gesamten Projektumfangs in steuerbare Arbeitspakete (AP). Die 100-%-Regel: Was nicht im Strukturplan steht, gehört nicht zum Projekt — und was im Strukturplan steht, braucht Kosten, Termin und Verantwortlichen (RACI, Teil 1.5).
Wofür? Der Strukturplan ist das Fundament für Schätzung (Bottom-up, Teil 2.6), Terminplanung (Netzplan), Verantwortung (RACI) und Leistungsmessung (EVA bewertet Fortschritt je Arbeitspaket). Strukturplanfehler pflanzen sich in jede Kennzahl fort.
So geht's: (1) Ergebnisorientiert gliedern — nach Phasen, Objekten oder Funktionen, nicht nach Abteilungen · (2) hierarchisch nummerieren (1, 1.1, 1.1.1) · (3) auf Arbeitspakete herunterbrechen, bis ein Paket einem Verantwortlichen zuordenbar und in 2–10 Personentagen bewertbar ist · (4) je AP: Ergebnis, Aufwand, Termin, Abhängigkeiten, Risiko-Querverweis · (5) Abgrenzungsliste „nicht Gegenstand“ ergänzen.
Typische Fehler
Strukturierung nach Organisationschart (Abteilungen) statt nach Ergebnis; „Sonstiges“-Pakete; Pakete zu groß für Verantwortung („Migration“ ist keine AP, sondern eine Phase); Projektmanagementkosten (PM itself) vergessen — im Beispiel steckt PM-Aufwand anteilig in den Phasen.
2.2 Balkenplan (Gantt) und Meilensteine
Was ist es? Zeitliche Darstellung der Vorgänge als Balken auf einer Zeitskala, abgeleitet aus dem Netzplan. Meilensteine sind Ereignisse mit Dauer null, dargestellt als Rauten. Der Gantt zeigt den Plan, der Netzplan rechnet ihn.
Wofür? Kommunikation: Kein Lenkungsausschuss liest Netzpläne, jeder liest Balkenpläne. Für Steuerung gilt: Puffer, kritischer Pfad und Abhängigkeiten müssen im Gantt sichtbar bleiben, sonst wirkt jeder Vorgang gleich wichtig.
Typische Fehler
Gantt ohne Abhängigkeiten „gezeichnet“ statt aus dem Netzplan abgeleitet — Puffer stehen dann falsch; Meilensteine ohne Prüfkriterium (woran erkennt der LA „abgeschlossen“?); Puffer unsichtbar, weil in Vorgangsdauern versteckt statt ausgewiesen.
2.3 Netzplan und kritischer Pfad — Theorie
Was ist es? Gerichteter Graph aus Vorgängen (Knoten) und Anordnungsbeziehungen (Kanten). Die Critical Path Method (CPM) berechnet daraus früheste/späteste Termine, Puffer und den kritischen Pfad: die längste Kette abhängiger Vorgänge — jede Verzögerung dort verschiebt das Projektende.
Formeln der Netzplantechnik (Vorgang mit Dauer D)
Vorwärts: ES = max(EF aller Vorgänger) · EF = ES + D
Rückwärts: LF = min(LS aller Nachfolger) · LS = LF − D
Gesamtpuffer: GP = LS − ES = LF − EF · Projektende = max(EF)
ES frühester Start · EF frühestes Ende · LS spätester Start · LF spätestes Ende · GP Gesamtpuffer. GP = 0 ⇒ kritisch. Kritischer Pfad = Weg vom Start zum Ende nur über GP-0-Vorgänge.
Wichtig: „Puffer“ ist kein Eigentum eines Vorgangs, sondern liegt auf dem Weg. Verbraucht C seinen Puffer, kann E ihn nicht mehr nutzen — Puffer wird netzweit neu gerechnet. Deshalb nach jeder Änderung den ganzen Plan neu rechnen (Werkzeuge wie MS Project machen das; das Verständnis hier bleibt nötig, um die Ausgaben zu prüfen).
2.4 Netzplan vollständig durchgerechnet (Vollbeispiel, 6 Vorgänge)
Beispiel Phase 2 „Migration im Pilotamt“: 6 Vorgänge mit Dauer in Wochen und Anordnungsbeziehungen (Ende-Anfang):
| Vorgang | Beschreibung | Dauer D (Wochen) | Vorgänger |
|---|---|---|---|
| A | Altakten analyserieren, Scanvolumen bestimmen | 3 | — |
| B | DMS einrichten (Akte24), Rechte konfigurieren | 4 | A |
| C | Altdaten bereinigen (Dubletten, Aktenteile) | 2 | A |
| D | Migration durchführen (Import, Verknüpfung Aktenplan) | 5 | B |
| E | Testdaten prüfen (Stichproben, Freigabetests) | 4 | C |
| F | Gesamtfreigabe Pilot (Präsentation, Abnahmeerklärung) | 2 | D, E |
Schritt 1 — Vorwärtsrechnung (früheste Termine)
Rechenweg ES und EF
Lesart: F kann frühestens starten, wenn beide Vorgänger fertig sind — D endet bei 12, E bei 9, also wartet F eine Woche auf D. Diese eine Zeile max(12, 9) = 12 ist der gesamte Trick der Vorwärtsrechnung.
Schritt 2 — Rückwärtsrechnung (späteste Termine)
Rechenweg LS und LF (Start beim Projektende 14)
Lesart: A darf spätestens bei Woche 3 enden — nicht weil A selbst eng wäre, sondern weil der Nachfolger B (kritisch) bei 3 starten muss. min(3, 6): der strengste Nachfolger schlägt zu.
Schritt 3 — Puffer und kritischer Pfad
Gesamtpuffer GP = LS − ES
Sensitivitätsprobe: Was passiert, wenn C 6 statt 2 Wochen dauert?
Der bisherige 3-Wochen-Puffer von C/E ist aufgebraucht und der Nebenweg wird kritisch. Lehre: Ein Vorgang wird nie „auf dem Papier“ kritisch — er wird es durch Verbrauch von Puffer. Deshalb Pufferverbrauch im Bericht ausweisen (Teil 6.1).
Typische Fehler
min/max-Regeln vertauschen (Vorwärts max, Rückwärts min); Puffer als „Reservezeit je Vorgang“ dem Team geschenkt statt zentral gesteuert; Vergessen, dass mehrere Enden existieren (hier nur F — bei mehreren Endknoten an jedem rechnen); Netzplan nach jeder Änderung nicht neu gerechnet.
Rechnerisch prüfen: Netzplantechnik folgt denselben max/min-Regeln, die der EVA-Rechner in Teil 3 für kumulierte Werte nutzt — → Direkt rechnen: EVA-Rechner
2.5 Meilensteine planen
Was ist es? Punkte vonnullter Dauer mit objektiv prüfbarem Abschlusskriterium. Meilensteine sind die Zeitpunkte, an denen Steuerung sichtbar wird (LA-Sitzungen, Zahlungen, Abnahmen).
| Meilenstein | Prüfkriterium (Auszug) | Termin | Typ |
|---|---|---|---|
| MS1 Konzept/Charta genehmigt | LA-Beschluss liegt unterschrieben vor | 31.01.2026 | Pflicht |
| MS2 Pilotmigration technisch fertig | 8.000 Akten importiert, Fehlerquote < 0,5 % | Woche 12 der Phase 2 | Pflicht |
| MS3 Pilot freigegeben | Abnahmeerklärung Bauamt + Freigabetests E bestanden | Woche 14 der Phase 2 | Pflicht |
| MS4 Verlängerter Betrieb | 30 Tage stabil, Service-Desk-Tickets < 10/Monat | +6 Wochen nach MS3 | optional |
Typische Fehler
Meilensteine ohne Kriterium („Schulung gemacht“); zu viele (LA verliert Blick); Datum-Meilensteine ohne Vorgänger im Netzplan, die „gefühlte“ Termine erzeugen. Trend der Meilensteintermine überwacht die Meilensteintrendanalyse (Teil 4.4).
2.6 Anforderungen gewichten: MoSCoW
Was ist es? Priorisierung in Muss (Lieferung ohne Muss gilt als Misserfolg), Soll (wichtig, Ersatz möglich), Kann (nice-to-have), Won't-this-time (bewusst diesmal nicht). Regel: Die Muss-Anforderungen müssen allein, innerhalb des Budgets, lieferbar sein — sonst ist der Umfang zu groß.
| Prio | Beispiel „E-Akte 2026“ | Steuerungswirkung |
|---|---|---|
| Muss | 8.000 Altakten suchbar; Aktenplan-Kopplung; 3 Ämter; Datenschutzfreigabe | Basline-fest, Änderung nur per Change Request |
| Soll | Mobile Ansicht; Volltextsuche über Anhänge | Erste Kandidaten für Abstraktion bei Termindruck |
| Kann | automatische Vorschlagssfunktionen, dunkles Design | Nur wenn Sprintkapazität übrig (Velocity-Puffer) |
| Won't | Kommunikationsschnittstelle zum Sitzungsdienst | Dokumentiert, verhindert Scope Creep |
Typische Fehler
80 % Muss (dann keine Priorisierung); Muss ohne Kostenklärung; Won't-Liste fehlt und jede Idee frisst Puffer.
2.7 Schätzverfahren
| Verfahren | Prinzip | Typische Genauigkeit | Aufwand | Einsatz |
|---|---|---|---|---|
| Expertenschätzung | Erfahrene schätzen einzeln, Abweichungen werden diskutiert (Delphi-Kernidee: anonym, iterativ) | −25 % bis +75 % (Größenordnung) | gering | frühe Phase, grobe Budgetrahmen |
| Analogieschätzung | vergleichbares Vorhaben als Anker, Zuschlag für Unterschiede | −15 % bis +30 % | gering | wenn ähnliche Projekte vorliegen |
| Parametrische Schätzung | Kennzahl × Menge (Euro je Einheit) | −10 % bis +20 % | mittel | wiederholte gleichartige Leistungen |
| Dreipunkt/PERT | optimistisch (O), realistisch (M), pessimistisch (P), gewichteter Erwartungswert | ±1σ je Güte der O/P-Schätzung | mittel | Vorgangsschätzung im Netzplan |
| Bottom-up | Summe der Arbeitspakete aus dem Strukturplan | −5 % bis +10 % | hoch | Baselining, Vertragspreise |
Dreipunkt/PERT-Formeln
Erwartungswert: E = (O + 4·M + P) ÷ 6
Standardabweichung: σ = (P − O) ÷ 6
Projekt (nur kritischer Pfad): σProjekt = √( σA² + σB² + … )
O best case (alles klappt) · M realistisch-häufigster Fall · P worst case (ohne Katastrophe). Beta-Verteilung: der realistische Fall zählt vierfach.
Durchgerechnet: Vorgang B („DMS einrichten“) und der kritische Pfad
Lesart: Die deterministische Dauer im Netzplan (Teil 2.4) lautete 14 Wochen; die PERT-Rechnung mit unscharfen Vorgängen erwartet 15 und empfiehlt, mit rund +1σ zu planen. Der Unterschied ist kein Widerspruch, sondern Risiko-Kapital: Genau dafür gibt es Reserven (Teil 5.6).
Durchgerechnet: parametrische Schätzung des Scannens
Kennzahlenschätzung ersetzt keine Detailplanung, aber sie ist ein starker Plausibilitätscheck: Weicht die Bottom-up-Summe um mehr als ±30 % von der Analogie ab, liegt meist ein Struktur- oder Aufwandsfehler vor.
Typische Fehler
Schätzen in Sitzungen unter Anwesenheit von Vorgesetzten (Anker- und Autoritätseffekt); P als „unendlich schlimm“ angeben (σ explodiert); Schätzung mit Budget verwechseln — Schätzung wird erst mit Reserven (5.6) zum Budget; keine Abgleichsrechnung zwischen Verfahren.
2.8 Kapazität und Ressourcenabgleich — gerechnet
Was ist es? Gegenüberstellung von benötigtem Aufwand (aus den Arbeitspaketen) und verfügbarer Kapazität (realistisch, nach Abzug von Urlaub, Krankheit und Linie). Erst danach weiß man, ob der Netzplan mit Menschen begehbar ist.
Kapazitätsformeln
Nettoverfügbarkeit = Bruttotage × Anteil Projekt × Faktor netto
Kapazitätslücke = Bedarf − interne Nettoverfügbarkeit (=> externe Beschaffung)
Faktor netto deckt Urlaub, Krankheit, Fortbildung, Linie: Erfahrungswert 0,75–0,85. Mit 100 % zu planen ist der häufigste Kapazitätsfehler überhaupt.
Phase 2 „Migration“: 14 Wochen, Bedarf 180 Personentage (PT)
Probe gegen Phase 2 des Strukturplans (52.000 €): 40.800 € extern + interne anteilige Kosten + Sachkosten (Scanner, Testgeräte) ergibt die Phase — die Kapazitätsrechnung ist damit zugleich eine Plausibilitätsprüfung der Kostenschätzung.
Ressourcenabgleich (Leveling): Überlastet eine Person zwei Vorgänge gleichzeitig, wird verschoben — liegt Puffer auf dem Weg, verschiebt sich nur innerhalb des Projekts (Glättung); ohne Puffer verschiebt sich das Projektende, und der Netzplan muss neu gerechnet werden. Beispiel: Die beiden Key-User sind in Woche 5–9 gleichzeitig für C (Bereinigung) und E (Testdaten) eingeplant. Im Netzplan aus 2.4 laufen C und E parallel — Lösung: E beginnt bedarfsgerecht nach den ersten Migrationschargen (dann sequentialisiert sich die Arbeit von selbst), oder eine Aufgabe weicht auf die im 1.6 genannte Vertretung aus.
Typische Fehler
Netto mit Brutto verwechseln („6 Wochen Zeit, also 6 Wochen Arbeit“); Kapazität über Rollen statt Personen planen (Rollen haben keine Urlaubsplanung); Abgleich nur einmal zur Baseline statt bei jeder Netzplanänderung; Überlast per Überstunde „lösen“ und die Mehrkosten nicht in AC sichtbar machen.
3Earned-Value-Analyse (EVA) — das Herzstück der Steuerung
Die Earned-Value-Methode verbindet Umfang, Termin und Kosten in einem Kennzahlensystem. Dieses Teil enthält die Grundgrößen, alle Formeln mit Interpretationssätzen und ein durchgängiges Großbeispiel (BAC 120.000 €, 8 Monate), das über vier Monate vollständig durchgerechnet wird — plus die ehrliche Antwort, wann EVA nichts taugt.
Alle Zahlen dieses Teils live nachrechnen: → Direkt rechnen: EVA-Rechner
3.1 Grundgedanke
Was ist es? EVA bewertet die erbrachte Leistung zu Planpreisen und macht sie so mit Plankosten und Istkosten vergleichbar. Die Kernfrage lautet nicht „Wie viel Geld ist weg?“, sondern „Was haben wir für das Geld bekommen — und was hätten wir bis heute bekommen sollen?“
Wofür? Klassische Abweichungsanalyse (Istkosten vs. Budget) verwechselt Fortschritt mit Geldverbrauch: Wer teuer schnell baut, sieht „Kostenüberschreitung“, obwohl der Termin glänzt; wer langsam spart, wirkt gesund, während der Termin kippt. EVA trennt beides in zwei Indizes: SPI für Termin, CPI für Kosten.
So geht's (monatlich): (1) Baseline mit wertmäßiger Verteilung festlegen (PV-Kurve) · (2) Fertigstellungsgrade der Arbeitspakete erheben → EV · (3) Istkosten je Arbeitspaket zuordnen → AC · (4) Kennzahlen berechnen (3.5) · (5) Prognosen und Steuerungsmaßnahmen (3.6–3.7).
3.2 Die vier Basisgrößen: BAC, PV, EV, AC
- BAC — Budget at Completion
- Das genehmigte Gesamtbudget der Leistungsbasis („wie viel kostet das Projekt insgesamt, laut Plan“). Im Beispiel: 120.000 €. Die wertmäßige Verteilung des BAC über die Zeit ist die Performance Measurement Baseline.
- PV — Planned Value (Planwert)
- Wert der laut Baseline bis zum Stichtag geplant fertigzustellenden Arbeit, bewertet zu Plankosten. Im Beispiel Ende Monat 4: 60.000 € (halbes Projekt — die Verteilung folgt der S-Kurve, nicht dem Kalender).
- EV — Earned Value (Fertigstellungswert)
- Wert der tatsächlich fertiggestellten Arbeit, bewertet zu Plankosten. Ende Monat 4 im Beispiel: 50 % des BAC sind nachweislich erbracht → 50.000 €. Der EV ist die eigentliche Erfindung der Methode: Leistung wird planpreisig gemessen und damit von Einkaufspreisen und Verbrauchstempo entkoppelt.
- AC — Actual Cost (Istkosten)
- Die tatsächlich angefallenen Kosten für die geleistete Arbeit. Ende Monat 4 im Beispiel: 57.000 €.
Fertigstellungsgrad je Arbeitspaket — die gängigen Verfahren
0/100-Regel: Paket zählt erst mit Fertigstellung (kleine Pakete)
50/50-Regel: halber Wert bei Beginn, Rest bei Fertigstellung
Mengenanteilig: EV = BAC-Anteil × (Istmenge ÷ Planmenge), z. B. 3.200 von 8.000 Akten → 40 % des Pakets
Schätzung verbleibender Restaufwand (nur mit erfahrenen Schätzern)
Faustregel zur Objektivierung: kleine Pakete 0/100, mittlere 50/50, große mengenorientiert. Subjektive Restschätzungen sind die größte Manipulationsquelle in der EVA.
3.3 Die S-Kurve lesen
Trägt man kumulierte Werte über der Zeit ab, entsteht die typische S-Kurve: langsamer Start (Mobilisierung), steile Mitte (serielle Vollast), flacher Auslauf (Abnahme). Drei Kurven — PV als graue Planlinie, EV und AC als Ist — erzählen in einem Bild, wo das Projekt steht:
Warum die Verteilung keine Gerade ist: der Monatsplan der PV
| Monat | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | Σ |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| PV-Zuwachs (T€) | 6 | 14 | 20 | 20 | 20 | 18 | 14 | 8 | 120 |
| PV kumuliert (T€) | 6 | 20 | 40 | 60 | 80 | 98 | 112 | 120 |
Die Verteilung folgt dem Strukturplan und dem Netzplan (Teil 2): wenig Wert im Januar (Analyse), Vollast Mitte (Migration), Auslauf mit Abnahme im August. Praktisch leitet man die Monats-PV aus den geplanten Fertigstellungen der Arbeitspakete ab — wer „linear über 8 Monate“ plant, hat meist keinen belastbaren Plan.
Typische Fehler
PV „nach Kalender“ statt nach Planleistung; EV über Fortschritt von Balken („Vorgang 80 % fertig“ ohne Messregel); AC ohne Abgrenzung (z. B. Bestellungen erfasst, Lieferungen nicht, oder umgekehrt); Stichtage von PV und AC klaffen auseinander.
Herleitung des EV aus Arbeitspaketen — vollständig gerechnet (Stichtag M4)
Der Fertigstellungswert entsteht nicht am Schreibtisch, sondern Paket für Paket. Die Tabelle zeigt die Erhebung zum 30.04.2026 — mit Messregel, geplantem Anteil (PV) und geleistetem Anteil (EV). Sie ist zugleich der Beleg für die Basiswerte des Großbeispiels (PV 60.000 / EV 50.000):
| Paket / Phase | BAC-Anteil | Messregel | Fertig | PV (plan) | EV (ist) |
|---|---|---|---|---|---|
| Phase 1 Vorbereitung | 18 | 0/100 je AP (klein) | 100 % | 18 | 18 |
| 2 · A Analyse Altakten | 6 | 0/100 (Abnahme Analyse) | 100 % | 6 | 6 |
| 2 · B DMS einrichten | 12 | Meilenstein-abhängig (Installationsfreigabe) | 100 % | 12 | 12 |
| 2 · C Altdaten bereinigen | 8 | mengenanteilig (Dubletten-Quote) | 100 % | 8 | 8 |
| 2 · D Migration durchführen | 16 | mengenanteilig: 3 von 8 Chargen = 37,5 % | 37,5 % | 16 | 6 |
| 2 · E Testdaten prüfen | 7 | 0/100 je Testpaket | 0 % | 0 | 0 |
| 2 · F Freigabe Pilot | 3 | 0/100 (Abnahmeerklärung) | 0 % | 0 | 0 |
| Phasen 3–5 (ab Mai geplant) | 50 | — | — | 0 | 0 |
| Summe | 120 | 60 | 50 |
Der gesamte Rückstand steckt hier in einer Zeile: Von der Migration (D) waren zum Stichtag 8 Chargen à 2 T€ geplant fertig — geleistet wurden 3. Damit ist die Kennzahl bereits Ursachenanalyse: Kein diffuses „Projekt im Verzug“, sondern „Migration hinkt 5 Chargen (10 T€ Wert) hinter dem Plan“ — exakt der SV von −10.000 € aus 3.4. Genau diese Rückrechnung Kennzahl → Arbeitspaket macht EVA im Lenkungsausschuss überzeugend.
Zeitliche Einordnung: In der Monats-Baseline (3.3) sind Prüfpakete (E) und Freigabe (F) für Mai/Juni angesetzt, weil die Tests erst nach den ersten Migrationschargen sinnvoll laufen. Der 14-Wochen-Netzplan aus 2.4 zeigt die logische Verkettung der Phase (wer hängt von wem ab, wo ist Puffer) — nicht die Kalenderverteilung des Gesamtprojekts. Beide Ebenen braucht man: die Logik im Detailplan, die Wertverteilung in der Baseline.
3.4 Abweichungen: SV und CV
Schedule Variance / Cost Variance
SV = EV − PV (Termintreue in Euro)
CV = EV − AC (Kostentreue in Euro)
Negativ = hinter dem Plan / über Budget. Null = auf Plan. Die Einheit ist Euro, nicht Zeit: SV = −10.000 € heißt „10.000 € geplante Leistung fehlen“, nicht „x Wochen Verspätung“.
Interpretationssätze. SV < 0: Bis zum Stichtag wurde weniger geleistet als geplant — Ursache klären (Kapazität? Verfügung? Blocker beim Vorgänger?). CV < 0: Die geleistete Arbeit kostete mehr als geplant — Ursache klären (Stundenüberschreitung? Teuerere Beschaffung? Nacharbeit?). Beide zusammen zeigen die Lage im S-Kurven-Bild als Fläche zwischen den Kurven.
Großbeispiel, Monatswerte M1 bis M4 (T€)
| Stichtag | PV | EV | AC | SV = EV−PV | CV = EV−AC |
|---|---|---|---|---|---|
| Ende M1 | 6 | 4 | 5 | −2 | −1 |
| Ende M2 | 20 | 16 | 19 | −4 | −3 |
| Ende M3 | 40 | 34 | 40 | −6 | −6 |
| Ende M4 (Stichtag) | 60 | 50 | 57 | −10 | −7 |
Zur Story: M1 Anlauf (Schulung des Teams verzögert), M2 hängt die DMS-Einrichtung am Freigabeprozess, M3 Kompensation durch Dienstleister-Überstunden (daher AC-Sprung: Leistung gekauft), M4 Nacharbeit an der Aktenplan-Kopplung. SV wächst trotz allem — der Rückstand kumuliert.
3.5 Indizes: SPI und CPI
Schedule / Cost Performance Index
SPI = EV ÷ PV · 1,00 = planmäßig · <1 = im Rückstand · >1 = voraus
CPI = EV ÷ AC · 1,00 = kostenplanmäßig · <1 = Mehrkosten je geleisteter Einheit
Indizes sind im Gegensatz zu SV/CV größenunabhängig und damit projektübergreifend und über die Zeit vergleichbar — CPI 0,88 bedeutet: Für 1 € Wert gibt das Projekt aktuell 1,14 € aus.
Großbeispiel, alle vier Monate durchgerechnet
| Stichtag | SPI = EV/PV | CPI = EV/AC | Rechnung M4 |
|---|---|---|---|
| Ende M1 | 4/6 = 0,667 | 4/5 = 0,800 | SPI = 50.000 / 60.000 = 0,833
CPI = 50.000 / 57.000 = 0,877 |
| Ende M2 | 16/20 = 0,800 | 16/19 = 0,842 | |
| Ende M3 | 34/40 = 0,850 | 34/40 = 0,850 | |
| Ende M4 | 0,833 | 0,877 |
Interpretationssätze: SPI 0,833 — „Das Projekt liefert mit 83 % der geplanten Termintreue; ohne Gegenmaßnahme wächst der Rückstand weiter.“ CPI 0,877 — „Je ausgegebenem Euro entsteht nur 88 Cent Wert; hält das an, kostet das Projekt rund 16.800 € mehr als geplant“ (siehe EAC in 3.6). Wichtig ist die Tendenz: CPI erholte sich von 0,842 auf 0,877, der SPI fiel wieder auf 0,833 — Kosten stabilisieren sich, der Termin nicht.
3.6 Prognosen: EAC, ETC, VAC
Estimate at Completion / To Complete / Variance at Completion
EAC = BAC ÷ CPI (Standard: bisherige Kosteneffizienz hält an)
ETC = EAC − AC · VAC = BAC − EAC
EAC Endkostenprognose · ETC erwarteter Restaufwand · VAC erwartete Gesamtabweichung (negativ = Mehrkosten). Weitere EAC-Varianten in 3.10.
Großbeispiel M4: Prognose in drei Schritten
Interpretationssatz: „Bei unverändertem CPI liegt die Endkostenprognose 14 % über dem Budget; der Fehlbetrag von 16.800 € übersteigt meine Entscheidungsgrenze von 10 % — der Lenkungsausschuss muss entscheiden: Umfang kürzen (MoSCoW-Kandidaten), Budget erhöhen oder Qualitätsoption bewerten.“ Genau das ist der Übergang von Kennzahl zu Steuerung (Teil 6).
3.7 TCPI — der Preis der Rettung
Was ist es? Der To-Complete Performance Index sagt, welche Kosteneffizienz der Rest des Projekts bräuchte, um doch noch im Budget (oder in einer neuen Obergrenze) zu landen. Er ist die ehrlichste Zahl der EVA, weil sie Wünsche in benötigte Leistung übersetzt.
TCPI-Formeln
Auf BAC: TCPI = (BAC − EV) ÷ (BAC − AC)
Auf EAC: TCPIEAC = (BAC − EV) ÷ (EAC − AC)
Restwert ÷ Restgeld. TCPI > 1: Der Rest muss besser laufen als alles bisher. TCPI ≤ CPI: unrealistisch — bisherige Effizienz reicht nicht mal fürs Ziel.
Großbeispiel M4: Was müsste das Team jetzt leisten?
Interpretationssatz: „Um im BAC zu bleiben, müssten die verbleibenden 70.000 € Restwert mit nur 63.000 € Restbudget erbracht werden — Kosteneffizienz 1,111 statt bisher 0,877. Teams steigern ihre Effizienz realistisch um 5–10 %, nicht um 26 %. Anspruch: Budget halten = nicht plausibel. Alternative: EAC-Budget genehmigen — dann genügt die bisherige Effizienz (TCPI 0,877).“ Faustregel: TCPI > 1,10 gilt als Alarmschwelle; Abgleich TCPI vs. CPI zeigt Realismus.
Typische Fehler
SV/CV in Wochen umdeuten wollen (dafür gibt ES/SPI(t), siehe 3.11); Indizes einzeln ohne Trend betrachten; EAC als Zusicherung statt Bandbreite kommunizieren; TCPI ignorieren und „das Team strengt sich jetzt mehr an“ als Steuerungsmaßnahme verkaufen.
3.8 Das Großbeispiel als Monatsreport — alle Kennzahlen auf einen Blick
E-Akte 2026 · EVA-Monatswerte (Basis BAC 120.000 €)
| Stichtag | Basisgrößen (T€) | Abweichungen (T€) | Indizes | Prognose (T€) | TCPI (BAC) | ||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| PV | EV | AC | SV | CV | SPI | CPI | EAC | ETC | VAC | ||
| Ende M1 | 6 | 4 | 5 | −2 | −1 | 0,667 | 0,800 | 150,0 | 145,0 | −30,0 | 1,009 |
| Ende M2 | 20 | 16 | 19 | −4 | −3 | 0,800 | 0,842 | 142,5 | 123,5 | −22,5 | 1,030 |
| Ende M3 | 40 | 34 | 40 | −6 | −6 | 0,850 | 0,850 | 141,2 | 101,2 | −21,2 | 1,075 |
| Ende M4 | 60 | 50 | 57 | −10 | −7 | 0,833 | 0,877 | 136,8 | 79,8 | −16,8 | 1,111 |
Zwei gegenläufige Bewegungen — das ist die eigentliche Lektion: Die Prognose EAC verbessert sich von 150.000 auf 136.800 € (CPI erholt sich), während TCPI steigt von 1,009 auf 1,111 — weil mit jedem Monat Restbudget verbraucht wird, wird „im Budget bleiben“ immer unwahrscheinlicher. Wer nur EAC meldet, wirkt optimistisch; wer TCPI mitmeldet, bleibt ehrlich.
3.9 Wie lese ich die Zahlen? Entscheidungshilfe mit Schwellenwerten
Schwellen sind conventions — sie müssen vorab mit dem Auftraggeber vereinbart und in die Berichtskultur geschrieben werden (Teil 6.2 RAG). Bewährtes Raster für Verwaltungs- und Mittlere-Projekte:
| Status | SPI und CPI | Bedeutung | Standardhandlung |
|---|---|---|---|
| grün | ≥ 0,97 | im Toleranzband | weiterlaufen, Trend beobachten |
| gelb | 0,90 – 0,97 | systematische Abweichung | Ursachenanalyse am Vorgang, Mikromaßnahmen im Team, im Bericht benennen |
| orange | 0,85 – 0,90 oder zweimal gelb in Folge | Steuerung greift nicht | Maßnahmenplan mit Terminen, TCPI-Realismusprüfung, LA-Information |
| rot | < 0,85 oder TCPI > 1,10 | Ziele gefährdet | Eskalation (6.3): Entscheidung Umfang/Budget/Termin, ggf. Rebaselining nur mit Beschluss |
Konkret: SPI 0,83 im Projekt — die ersten fünf Handgriffe
- Nicht panisch beschleunigen. Erst prüfen, ob der Rückstand im kritischen Pfad liegt (Teil 2.3) — Rückstand auf gepufferten Vorgängen frisst nur Puffer.
- EV-Erhebung prüfen: Ist der Rückstand real oder ein Meldeartefakt (Scheineffekte 0/100-Regel, verspätete Freigaben)?
- Ursachen clustern: Kapazität (M1/M2-Effekt), Verfügbarkeit (Lieferung), Blocker (Freigaben), Qualität (Nacharbeit) — je Cluster wirkt eine andere Maßnahme.
- Neue Terminrechnung: Netzplan mit Ist-Dauern neu rechnen → realistisches Ende; mit MTA (4.4) die Meilensteine neu beauftragen.
- Erst danach entscheiden: Aufholen (teuer: Überstunden erhöhen AC und senken CPI weiter), Umfang kürzen (MoSCoW: Soll/Kann first), Termin verschieben, oder Kombination — als Optionen mit Zahlen in den LA (6.3).
Merksatz: Budget erschöpft oder TCPI > 1,10 ist keine Lagemeldung mehr, sondern eine Eskalation.
3.10 EAC-Varianten — vier Annahmen, vier Endkosten
EAC-Formeln nach Annahme
A · Rest läuft planmäßig: EAC = AC + (BAC − EV)
B · Kosteneffizienz hält an (Standard): EAC = BAC ÷ CPI
C · Kosten- UND Terminabweichung schlagen durch: EAC = AC + (BAC − EV) ÷ (CPI × SPI)
D · Bottom-up: EAC = AC + neuer Restaufwand (neu geschätzt)
Alle Varianten am Stichtag M4
Wann welche: A nach einmaligem, abgestelltem Sonderereignis (z. B. Startverzug). B als Standardannahme ab ca. 20 % Fortschritt — empirisch stabil. C wenn Termin- und Kostenprobleme dieselbe Ursache haben (z. B. Nacharbeit: kostet Geld UND Zeit). D bei Strukturbrüchen (neue Erkenntnis über den Rest) oder ab 60 % Fortschritt einmal jährlich validieren.
3.11 Grenzen der EVA — ehrlich
- EV ist nur so objektiv wie die Fertigstellungsgrade. Subjektive Restschätzungen sind die Hauptquelle schöner Zahlen; Abhilfe: Messregeln (0/100, mengenanteilig) und Stichprobenprüfungen.
- Qualität ist unsichtbar. EV zählt auch schlecht erbrachte Arbeit. EVA ohne Abnahme- und Qualitätskennzahlen belohnt Pfusch bis zur Abnahme.
- SPI läuft gegen 1, egal was passiert. Am Projektende ist per Definition EV = BAC = PV → SPI = 1, auch wenn der Termin um Monate gerissen wurde („falsche Erholung“). Abhilfe: Earned Schedule (ES) — Umrechnung von EV in erreichte Planzeit: ES = Zeitpunkt, an dem die PV-Kurve den aktuellen EV erreicht; SPI(t) = ES ÷ tatsächliche Zeit bleibt am Ende ehrlich unter 1.
- Frühphase ist Rauschen. CPI/SPI im ersten Fünftel schwanken stark (kleine Nenner); erst ab ~15–20 % Fortschritt trägt die Prognose.
- Rebaselining löscht Spuren. Jede neue Baseline setzt Abweichungen auf null — ohne Dokumentation der alten Werte verschwindet die Lernkurve. Alte Baselines archivieren.
- Kleinprojekte: Unter ~3 Monaten oder ~20.000 € übersteigt der Erhebungsaufwand den Nutzen; dann reicht Meilensteintrend + Budgetverbrauch.
- Öffentliche Haushalte: AC-Zuordnung über Kostenstellen/Haushaltsjahre kann Verzerrungen erzeugen (Bestellungen vs. Mittelabfluss) — Erhebungsregel mit Kämmerei abstimmen.
- EVA erklärt nichts. Sie zeigt dass etwas abweicht; das warum liefert nur die Arbeit am Vorgang. Zahlen ersetzen keine Projektleitung.
Praxisempfehlung
EVA nie allein steuern: kombinieren mit Meilensteintrendanalyse (4.4, Termingefühl, Pufferverbrauch aus dem Netzplan (2.3) und Risiko-Triggern (5.7). Diese Viererkombination ist robust gegen jede einzelne Schwäche.
4Burndown, Velocity und Trend: Steuerung in Kurven
EVA misst wertmäßig, Burndown misst Restaufwand, Velocity misst Lieferfähigkeit, Trendanalysen messen die Richtung. Zusammen decken sie ab, was einzelne Kennzahlen übersehen: dass Projektsteuerung die Steuerung von Bewegungen ist, nicht von Momentaufnahmen.
Verläufe selbst erzeugen: → Direkt rechnen: Burndown-Demo und Meilenstein-Trend-Check
4.1 Das Burndown-Chart
Was ist es? Linienchart des verbleibenden Aufwands (Story Points, Stunden, Pakete) über der Zeit. Die Soll-Linie fällt linear zum Ziel; die Ist-Linie zeigt, wie viel wirklich übrig bleibt. Abweichungen und Schnittpunkt-Prognosen sind auf einen Blick lesbar.
Wofür? Sprint- und Release-Steuerung: Werden wir fertig? Was ist die realistische Restdauer? Wirkt eine Maßnahme? Im klassischen Umfeld analog als „Restwert-Burndown“ über Arbeitspakete nutzbar.
Typische Fehler
Restaufwand „gefühlt“ statt aus Task-Status; Kurve nur samstags (vor dem Review) aktualisieren — dann steuert sie nicht; teamfremde Skala (Stunden vs. Punkte mischen).
4.2 Burndown auswerten — das Beispiel gerechnet
Sprint 7: Wird der Sprint-Plan gehalten?
Entscheidung im Daily am Tag 10: 48 SP passen nicht in den Sprint. Optionen nach MoSCoW (2.6): zwei Kann-Pakete (18 SP) zurück ins Backlog, Rest (30 SP) als erste Kandidaten für Sprint 8. Was nicht geht: stillschweigend weiterarbeiten — der Sprint-Review braucht die ehrliche Zahl, sonst frisst sich der Überhang unsichtbar durch die Release-Planung.
4.3 Velocity — die Lieferfähigkeit als Bereich
Was ist es? Summe der fertiggestellten (nicht: begonnenen) Story Points je Sprint. Kerneinsicht: Velocity ist keine Zielzahl, sondern eine Messgröße mit Streuung — planen soll man mit einem Bereich, nicht mit einem Durchschnittswert.
Release-Planung mit Velocity-Bereich
Wer mit dem Durchschnitt („3 Sprints“) nach außen plant, liegt in jedem zweiten Fall daneben. Monte-Carlo-Rechnungen (7.2) machen genau diesen Schluss systematisch.
Typische Fehler
Velocity als Vorgabe („ab jetzt 45!“) — sie ist Messergebnis; Vergleich von Velocities zwischen Teams (Punkte sind teamspezifisch); Punkte nach Größe, aber Abnahme nach Stunden; neu zusammengesetzte Teams mit Altdurchschnitt planen.
4.4 Meilensteintrendanalyse (MTA)
Was ist es? Zu jedem Berichtstermin wird für jeden Meilenstein die aktuelle Prognose seines Termins eingetragen. Ergibt sich über die Berichtstermine eine Kurve je Meilenstein, zeigen Steigung und Richtung die Terminentwicklung: nach oben (= immer später) = Verschlechterung, waagerecht = stabil, nach unten = Verbesserung.
Wofür? MTA ist das deutschsprachige Gegenstück zur EVA-Terminseite: leicht verständlich, ohne wertmäßige Baseline, und im Lenkungsausschuss sofort lesbar. Sie zeigt Trends, bevor sie in Terminbrüchen enden.
Beispiel E-Akte 2026 — Prognosen zu vier Berichtsterminen
| Meilenstein (Erstplan) | Ende Feb | Ende Mär | Ende Apr | Ende Mai | Trend |
|---|---|---|---|---|---|
| M1 Konzept genehmigt (KW 11) | KW 11 | KW 12 | KW 13 | KW 13 | stabil verschoben +2 Wo |
| M2 Pilotmigration fertig (KW 22) | KW 22 | KW 22 | KW 23 | KW 24 | verschlechtert sich laufend |
| M3 Schulung abgeschlossen (KW 29) | KW 29 | KW 28 | KW 28 | KW 28 | verbessert, stabil −1 Wo |
Typische Fehler
Prognosen aus Hoffnung statt aus Netzplanrechnung; Meilensteine im Bericht „passend“ machen; Trend nur am aktuellen Bericht statt über die Historie lesen; MTA ohne Konsequenzregel (wann genau eskaliert wird).
4.5 Trendanalyse und Frühwarnindikatoren
Was ist es? Systematische Betrachtung, wohin sich eine Kennzahl bewegt: dreiwöchige Richtung, gleitende Mittelwerte, Konstanz von Abweichungen. Eine einmalige Abweichung ist Ereignis, drei in Folge sind System.
Beispiel: CPI-Trend lesen statt Momentwert bewerten
Frühwarnindikatoren (Trigger) verbinden Kennzahl mit fester Folgeaktion, z. B.: „SPI < 0,90 in zwei aufeinanderfolgenden Berichten → Automatische Lagethema-Stellungnahme im LA“ oder „Pufferverbrauch > 50 % vor Meilenstein → Termin hochrechnen“ (mehr in 5.7). Ein Indikator ohne vereinbarte Folge ist Dekoration.
4.6 Burn-up: Scope-Änderungen sichtbar machen
Was ist es? Gegenstück zum Burndown: zwei aufsteigende Kurven — Gesamtaufwand (Scope) und fertiggestellter Aufwand. Der vertikale Abstand ist der offene Rest; Änderungen am Scope erscheinen als Sprünge der Scope-Linie statt als „schlechtere Leistung“.
4.7 Kumulierter Fluss (Cumulative Flow) — Flaschenhälse sehen
Was ist es? Gestapelte Flächen des Backlogs über der Zeit: erledigt (unten), in Arbeit (Mitte), offen (oben). Die Breite des mittleren Bandes ist der Work in Progress (WIP); wächst es, arbeitet das Team mehr parallel, als es abschließen kann — der klassische Flaschenhals-Indikator. Die Steigung der unteren Kurve ist die Durchsatzrate (im Gleichgewicht identisch mit der Velocity).
Typische Fehler
Zustände „in Arbeit“ ohne Statusdisziplin (Band wird zur Beliebigkeit); Diagramm ohne WIP-Grenze diskutieren; Kategorien je Sprint umbenennen (Zeitreihen brechen).
5Risikomanagement: erkennen, bewerten, einpreisen
Risikomanagement ist die Versicherung des Plans: Risiken werden identifiziert, bewertet, behandelt — und die verbleibende Unsicherheit als Reserve budgetiert. Alles mit demselben Beispielprojekt gerechnet, inklusive der Brücke in die EVA.
Eigene Risiken einstufen: → Direkt rechnen: Risiko-Bewerter
5.1 Der Prozess
- Identifizieren: systematisch (Workshops, Checklisten, Lessons Learned, Brainstorming mit Fachbereich und Dienstleister) — das Register lebt vom Zulauf, nicht vom Jahresupdate.
- Analysieren: Ursache → Ereignis → Wirkung formulieren; Eintrittswahrscheinlichkeit und Auswirkung schätzen (qualitativ 1–5, bei großen Risiken quantitativ als Erwartungswert).
- Bewerten: Score bilden, priorisieren, mit Risikotoleranz der Organisation abgleichen (was darf der PM allein verantworten?).
- Behandeln: Strategie je Risiko festlegen (5.5) — mit Maßnahme, Verantwortlichem, Frist und Kosten der Maßnahme.
- Überwachen: Status im Report, Frühwarnindikatoren (5.7), eingetretene Risiken werden Issues (Problemmanagement).
Der Prozess läuft zyklisch, nicht einmalig: Jede Planänderung (Change Requests, neue Erkenntnisse) erzeugt neue Risiken.
5.2 Das Risikoregister
| ID | Risiko (Ursache → Ereignis → Wirkung) | W | A | Score | Strategie | Maßnahme / Auslöser | Owner |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| R1 | Fachbereich ausgelastet → Key-User fallen aus → Migration verzögert | 4 | 3 | 12 | vermindern | Vertreter einarbeiten (ab Feb, 4 PT); Auslöser: Abwesenheitsplanung > 5 Tage | PL |
| R2 | Schwankende Aktenlagen → Mappings fehlerhaft → Nacharbeit Datenkorrektur | 2 | 5 | 10 | vermindern | Probe-Migration 300 Akten vor D; Fehlerquote-Messregel 0,5 % | Dienstleister |
| R3 | Sensible Daten → Datenschutzverstoß → Untersagung, Reputationsschaden | 1 | 5 | 5 | vermeiden | DSB ab Kick-off im Team; Vermeidung: keine Scan-Cloud, lokaler Scanner | IT-Leitung |
| R4 | Lieferengpass → Scanner-Hardware spät → Scanvolumen fällt zurück | 3 | 3 | 9 | übertragen | Vertragsstrafe + Ersatzlieferant benannt; Zwischenlager 2 Geräte | Vergabestelle |
| R5 | Mitbestimmung überhört → Betriebsrat blockiert → Rollout-Stopp | 4 | 2 | 8 | vermindern | Betriebsrat ab Konzeptphase beteiligen (Quadrant „eng steuern“, 1.4) | PL |
| R6 | Urlaubssaison → Testkapazität fehlt → Freigabe E verzögert | 2 | 4 | 8 | akzeptieren | Puffer 3 Wo im Netzplan (2.4) reicht; beobachten, keine Maßnahme | PL |
Aufbau-Regeln: Risiko als Wirkungskette formulieren (nicht „Termingefährdung“, sondern Ursache→Ereignis→Wirkung); ein Owner je Risiko — namentlich, kein Gremium; Status je Report (offen / Maßnahmen wirken / eingetreten / geschlossen).
5.3 Score-Berechnung und Skalen
Risikoscore
Score = W × A (Wahrscheinlichkeitsstufe × Auswirkungsstufe, je 1–5)
Klassen: 1–4 gering · 5–9 mittel · 10–15 hoch · 16–25 kritisch
Quantitativ: Erwartungswert EMV = Eintrittswahrscheinlichkeit × Schadenshöhe (für Reserven, 5.6). Ohne schriftliche Skalendefinition bewertet jeder anders — die Skala gehört ins Register.
| Stufe | Wahrscheinlichkeit W | Auswirkung A (Schaden) |
|---|---|---|
| 1 | sehr gering (< 10 %) | < 2.000 € / geringe Unannehmlichkeit |
| 2 | gering (10–30 %) | 2.000–10.000 € / Teilziel verrutscht |
| 3 | mittel (30–50 %) | 10.000–30.000 € / Meilenstein gefährdet |
| 4 | hoch (50–70 %) | 30.000–60.000 € / Projektziel gefährdet |
| 5 | sehr hoch (> 70 %) | > 60.000 € / Projekt scheitert oder rechtliche Folge |
5.4 Die 5×5-Matrix (Heatmap)
Typische Fehler
Alles landet „mittig“ (W3/A3) — Folge fehlender Skalendefinition; Matrix ohne Konsequenzregel (wer schaut bei Score 12 hin?); eingetretene Risiken bleiben im Register statt Issue-Management; keine Neu-Bewertung nach Maßnahmen (Restrisiko eintragen!).
5.5 Behandlungsstrategien mit Beispielen
| Strategie | Prinzip | Beispiel E-Akte 2026 | Wirkung auf Score |
|---|---|---|---|
| Vermeiden | Ursache beseitigen, Plan ändern | R3: keine Cloud-Scan-Dienste für Personaldaten — lokal scannen (Aufwand +, Risiko weg) | W oder A auf 1, Risiko ggf. geschlossen |
| Vermindern | W oder A senken (Maßnahmen vor Eintritt) | R1: Key-User-Vertreter (W 4→2); R2: Probe-Migration (A 5→3) | Score z. B. 12 → 6 |
| Übertragen | Risikoträger wechselt (Versicherung, Vertrag, Garantie) | R4: Vertragsstrafen + Ersatzlieferant; keine Risikoteilung mit Billig-Anbieter | A wird für uns kalkulierbar (Pauschale) |
| Akzeptieren | bewusst hinnehmen, beobachten, Reserve halten | R6: Urlaubsrisiko mit 3 Wochen Puffer im Netzplan abgedeckt | Score bleibt, Ersatzmittel bereitstellen |
| Eskalieren | außerhalb eigener Befugnis → höhere Ebene | (Risikofall) Finanzierungslücke > 10 % BAC → Beschluss Geschäftsleitung | Entscheidung verlagert, Zeitdruck dokumentieren |
Für Chancen gelten die Spiegelstrategien: ausnutzen, teilen, verbessern (Aufwand erhöhen, um Chance zu vergrößern), akzeptieren (6. Abschnitt Glossar: Reaktionsstrategien).
5.6 Reserven: Risiken in der EVA unterbringen
Known Unknowns — identifizierte, bewertete Risiken. Sie werden als Risikoreserve (Contingency Reserve) in die Kostenbasis (BAC) eingerechnet und vom PM auf Freigabe des LA verwaltet. Unknown Unknowns — unbenennbare Überraschungen. Sie stehen als Managementreserve über dem BAC und werden nur von der Geschäftsleitung freigegeben.
Reserven rechnen: Erwartungswerte und Gesamtbudget
Diese Zahlen sind durchgängig: Die Charta (1.2) nennt die 120.000 € „inkl. 23.000 € Risikoreserve“. Faustgrößen Managementreserve: 5 % bei routinehaften, 8–12 % bei innovativen Vorhaben im öffentlichen Sektor; PERT-gestützte Alternative: Reserve ≈ 1,5 × σProjekt × Kostenrate (2.7).
Reserven in der EVA: Reserven zählen nicht zum EV (kein „Fortschritt“), ihr Verbrauch wird separat ausgewiesen. Tritt ein Risiko ein (z. B. R2 Nacharbeit 9.000 €), fließt die Leistung in EV/AC, die Reserve wird frei — der LA sieht beides getrennt. Wichtig für 3.10: EAC sollte unter Reserve-Vorbehalt kommuniziert werden („136.800 €, darin enthalten 8.000 € aus Risikoreserve“).
5.7 Überwachen: Frühwarnindikatoren mit Folgeaktion
| Indikator | Schwellwert | Folgeaktion (fest vereinbart) |
|---|---|---|
| Burndown-Abweichung | > 15 % über Soll, 3 Tage | Re-Planung im Daily, Scope-Gespräch Product Owner |
| SPI | < 0,90 zwei Berichte | Lagethema in LA, Maßnahmenplan (3.9) |
| Pufferverbrauch Netzplan | > 50 % vor Meilenstein | Termin hochrechnen, MTA aktualisieren (4.4) |
| Fehlerrate Probe-Migration (R2) | > 0,5 % | D startet nicht; Mapping-Workshop vor Freigabe |
| Risikoreserve | > 60 % verbraucht | Eskalation: verbleibende Risiken neu bewerten |
Typische Fehler
Trigger ohne vereinbarte Folge (Dekoration); Schwellen zu eng (Daueralarm → Abstumpfung) oder zu weit (Meldepflicht erst nach dem Schaden); Indikatoren ohne Datenquelle.
5.8 Chancen sehen — der andere Blick
Risikomanagement im PMBOK ist zweiseitig: Bedrohungen verringern, Chancen nutzen. Beispiel: Die Probe-Migration (R2-Maßnahme) erzeugt als Nebeneffekt belastbare Kennzahlen für das Angebot des Rollouts in zwei weitere Ämter — Chance „Preisvorteil Folgebertrag“ (W 3, Nutzen 15.000 €, EMV 4.500 €). Chancen gehören ins selbe Register, sonst optimiert das Controlling nur nach unten.
6Reporting und Steuerung: Berichten, eskalieren, ändern
Kennzahlen wirken nur, wenn sie in einem geordneten Berichtswesen landen, Eskalationsregeln vorab vereinbart sind und Änderungen kontrolliert fließen. Dieser Teil liefert Muster und Schwellen — alles wieder am Beispiel Monat 4 gerechnet.
6.1 Der Statusbericht — Muster (eine Seite, RAG)
Statusbericht E-Akte 2026 · Bericht Nr. 04 · Stichtag 30.04.2026
| Bereich | Ampel | Begründung (je 1 Satz, mit Zahl) | Maßnahme bis wann |
|---|---|---|---|
| Termine | rot | SPI 0,83; MS „Pilotmigration“ rutscht laut MTA auf KW 24 (+2 Wochen), kritischer Pfad A→D ohne Puffer | Netzplan-Neurechnung 06.05., LA-Optionen 08.05. |
| Budget | gelb | CPI 0,88 (erholend), EAC 136.800 €; TCPI 1,111 — Budgeteinhaltung unwahrscheinlich | Bottom-up-Neuschätzung Rest bis 12.05. |
| Umfang | gelb | CR-08 genehmigt (+4.000 €), seit M4 Change-Freeze bis CPI ≥ 0,90 | Freeze prüfen im Bericht 05 |
| Risiken | orange | R1 Score 12 (Vertreter eingearbeitet, Restrisiko 6); R2 Probe-Migration bestanden (0,3 % Fehler) | R2 schließen im Bericht 05 |
| Kennzahlen (Stichtag) | PV 60,0 T€ | EV 50,0 T€ | AC 57,0 T€ | SPI 0,83 | CPI 0,88 | EAC 136,8 T€ | TCPI 1,11 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Vormonat zum Vergleich | 40,0 | 34,0 | 40,0 | 0,85 | 0,85 | 141,2 | 1,08 |
Entscheidungsbedarfe: (1) Optionen Termin (verschieben MS2 auf KW 24) vs. Umfang (Soll-Pakete prüfen) — Beschluss 08.05. · (2) Freigabe 8.000 € aus Risikoreserve für Nacharbeit Aktenplan-Kopplung (R2-Folge).
Nächste Schritte: Restschätzung Migration (D) verifizieren · Schulungsplan M3 finalisieren · Probeergebnis R2 dokumentieren.
Aufbau-Regeln: Eine Seite · Ampel mit einem Satz Begründung inkl. Zahl (eine Ampel ohne Begründung ist Dekoration, eine Ampel mit Roman liest niemand) · Vorher-nachher-Vergleich · klare Entscheidungsanträge mit Termin (nicht „wird geprüft“, sondern „Beschluss erbeten am …“).
| Schwach (unschuldig, unpräzise) | Stark (zahlengestützt, entscheidungsreif) |
|---|---|
| „Das Projekt macht Fortschritte.“ | „EV 50.000 € von geplanten 60.000 € — Rückstand konzentriert auf Migration (D), 3 von 8 Chargen.“ |
| „Es gab Verzögerungen bei der Technik.“ | „D liegt 5 Chargen (10 T€) zurück; Ursache: Freigabeschleife DMS-Rechte, seit 12.04. bei IT-Leitung.“ |
| „Wir dran, das Budget im Blick zu behalten.“ | „CPI 0,877 stabil seit zwei Berichten; EAC-Bandbreite 127–153 T€, Leitzahl 136,8 T€ (VAC −16,8 T€).“ |
| „Risiken werden beobachtet.“ | „R1 Score von 12 auf 6 gesenkt (Vertreter einsatzbereit); R2 eingetreten, 8 T€ aus Reserve, Restrisiko 4.“ |
| „Über den Termin wird noch gesprochen.“ | „Beschluss erbeten am 08.05.: Option A Termin +2 Wochen (Kosten neutral) oder Option B Soll-Paket Volltextsuche streichen (Termin hält, Nutzen −).“ |
| „Das Team gibt wieder Vollgas.“ | „Maßnahmen: 1. Freigabeschleife verkürzt (Stufe 2 statt 3), 2. 4 PT Dienstleister für Charge 4–5 — Wirkung prüfbar im Bericht 05 (SPI ≥ 0,85 erwartet).“ |
Regel dahinter: Jede Aussage muss eine Zahl, einen Namen oder ein Datum enthalten — sonst ist sie Stimmung. Und jede Maßnahme braucht ein Wiedervorlage-Datum, sonst ist sie ein Wunsch.
6.2 RAG sauber definieren
Rot/Gelb/Grün ist ein Vertrag, kein Stimmungsbild: Jedem Bereich gehören vorab vereinbarte Schwellen (die EVA-Schwellen aus 3.9; Risiken aus 5.3). Zwei Regeln bewähren sich: (1) Ampeln dürfen erst mit Antrag heruntergestuft werden, nicht still leise von rot auf gelb; (2) „Rot“ auszusprechen ist Leistung der Projektleitung, nicht Versagen — wer rot meldet, bekommt Kapazität, wer grün malt, bekommt Nachprüfungen.
6.3 Eskalationsregeln — Schwellen und Wege
| Stufe | Wann (Beispiel-Schwellen) | Adressat | Frist |
|---|---|---|---|
| 0 · Projekt | SPI und CPI ≥ 0,97 · Budget ±5 % · Termin ±5 Tage · Risiko < 10 | PL steuert im Team | — |
| 1 · Lenkungsausschuss | SPI oder CPI < 0,90 · zwei gelbe Berichte in Folge · Termin > 10 Tage · Risiko ≥ 10 · einzelner CR > 5.000 € | LA-Vorsitz (Sitzung oder Umlauf) | 5 Arbeitstage |
| 2 · Geschäftsleitung | Budgetüberschreitung > 10 % · Zieltermin des Projekts gefährdet · Risiko ≥ 16 · Mittelabruf über Gesamtbudget hinaus | Erster Beigeordneter + Kämmerer | 10 Arbeitstage |
| 3 · Gremium/Politik | Projektabbruch oder Beschluss-Umfang des Vorhabens berührt (Gemeinderat) | Gemeinderat | nach GeschO |
Merksätze
Budget erschöpft (oder TCPI > 1,10) ist keine Lagemeldung, sondern automatisch Stufe 1. Eine Eskalation enthält immer: Sachverhalt, Auswirkung auf Ziele, 2–3 Optionen mit Zahlen, Empfehlung, Entscheidung bis wann. Wer nur Probleme meldet, gibt die Steuerung ab; wer Optionen meldet, behält sie.
6.4 Entscheidungslog
Jede weitreichende Entscheidung mit Datum, Gremium, Begründung und Wirkung — ein Zehnzeiler pro Monat, der bei Personalwechsel oder Prüfung den Projektverlauf erklärt. Der Log ist die Schwester der Baseline: Er erklärt, warum der Plan heute so aussieht.
| Datum | ID | Entscheidung | Gremium | Basis / Grund | Wirkung |
|---|---|---|---|---|---|
| 31.01. | E-12 | Baseline freigegeben (120.000 €, 8 Monate) | LA | Charta + Strukturplan + Netzplan | Planung verbindlich |
| 28.02. | E-15 | CR-08 Volltextsuche genehmigt (+4.000 €, +10 SP) | LA | CPI 0,84, Terminpuffer > 6 Wochen | BAC +4.000 € → Scope wächst |
| 30.04. | E-21 | Change-Freeze ab sofort | LA | CPI 0,88, TCPI 1,111 > 1,10 (3.9) | Keine neuen CRs bis CPI ≥ 0,90 |
| 30.04. | E-22 | 8.000 € aus Risikoreserve für Nacharbeit | LA | R2 eingetreten (0,3 % < Schwelle, Restnacharbeit) | Reserve 23.000 → 15.000 € |
Typische Fehler
Entscheidungen nur im Protokoll (nicht auffindbar); ohne Zahlenbasis; „mündlich genehmigt“; Log führt die Vergangenheit, aber niemand prüft ihn bei Planänderungen.
6.5 Change Management — der geregelte Fluss
Was ist es? Jede Anforderungsänderung läuft als Change Request (CR) durch denselben Fluss: Antrag → Vollständigkeitsprüfung → Bewertung (Kosten, Termin, Risiko, Nutzen) → Entscheidung durch die befugte Stelle → Anpassung von Baseline und Plänen oder dokumentierte Ablehnung. Das ist der einzige legitime Weg, den Umfang zu ändern — alles andere ist Scope Creep.
Durchgerechnet: CR-11 „Barcode-Etiketten für Altkarten“ (gestellt 28.04.)
Die Lehrstunde: Change-Entscheidungen sind Einzelfall und Kontext. Dieselbe Anfrage wäre im Februar (Puffer 6 Wochen, CPI 0,84 aber TCPI 1,03) genehmigt worden — deshalb müssen Entscheidungslog (6.4) und Kennzahlenlage zusammen gelesen werden.
6.6 Berichtswesen: Rhythmus und Zielgruppen
| Bericht | Rhythmus | Zielgruppe | Inhalt |
|---|---|---|---|
| Daily / Stand-up | täglich 15 min | Team | Blocker, Tagesziel, Burndown-Abweichung (4.1) |
| Statusbericht | monatlich, Stichtag | LA, PMO | RAG + EVA-Kennzahlen + Entscheidungsbedarfe (6.1) |
| Kennzahlenblatt | quartalsweise | Kämmerer/Controlling | Budgetvergleich, Mittelabfluss vs. AC, Prognose EAC |
| Ausnahmebericht | bei Trigger (5.7) | LA-Vorsitz | Sachverhalt, Optionen, Empfehlung, Frist — sofort, nicht zum Monatsende |
Typische Fehler
Berichte ohne Stichtagsdisziplin (Zahlen aus verschiedenen Tagen); Bericht als Rechtfertigungschreiben; dieselbe Fassung für Team und LA (unterschiedliche Entscheidungsfragen!); Ausnahmeberichte, die auf die nächste Sitzung warten.
7Agil und hybrid: Sprints steuern, Grenzen setzen
Agile Verfahren steuern nicht über eine vorab gebaute Baseline, sondern über kurze Lieferzyklen und empirische Messgrößen. Dieser Teil erklärt Scrum-Kern, Forecasting als Bandbreite (Monte-Carlo-Idee) und wie hybride Projekte beides verbinden.
7.1 Scrum in zehn Sätzen (Basics fürs Controlling)
Rollen: Product Owner (vertritt Nutzen und Priorisierung, eindeutig eine Person), Scrum Master (Prozess und Hindernisse), Entwicklungsteam (5–9 Personen, selbstorganisiert). Events: Sprint (2–4 Wochen Zeitbox, Ergebnis ist potenziell lieferbar), Daily (15 min), Sprint Planning, Review (Ergebnis), Retrospektive (Prozess). Artefakte: Product Backlog (geordnete Anforderungen), Sprint Backlog (Verpflichtung des Sprints), Increment (Ergebnis, gemessen an der Definition of Done).
Controlling-Anschluss: Velocity (4.3) ist die Messgröße, Burndown/Burn-up (4.1/4.6) die Kurve, die Sprint-Review der Abnahmeäquivalent, die Retrospektive das Lessons-Learned am Laufband. Ein Scrum-Team braucht keine EVA — ein Programm mit Scrum-Inseln schon (7.5).
7.2 Velocity-Forecasting als Bereich — Monte-Carlo-Grundidee
Das Problem: „Wann sind die 120 Rest-Punkte fertig?“ ist keine Frage mit einer Zahl als Antwort. Jede Zukunftsrechnung aus Velocity streut — wenn man die Streuung ignoriert, plant man mit dem Glücksfall.
Die Idee Monte-Carlo: Statt einmal mit dem Durchschnitt zu rechnen, zieht man tausendmal zufällig aus den historischen Sprint-Ergebnissen (mit Zurücklegen), summiert je Lauf, bis die Restmenge erreicht ist, und liest die Verteilung ab: „In 52 % der Läufe reichten 3 Sprints, in 87 % 4 Sprints.“ Daraus werden Bandbreiten-Angaben (P50 realistisch, P85 zusagbar) statt Festterminen.
Forecast 120 Rest-SP — drei Rechenweisen vergleichen
Merkregel: P50 zum Steuern, P85 zum Zusagen. Wer mit P50 nach außen zusagt, verspricht eine Münzwurf-Chance — und verliert sie in jedem zweiten Projekt.
7.3 Hybride Modelle
Was ist es? Kombination prädiktiver und agiler Anteile in einem Governance-Rahmen: klassisch für Budget, Verträge, Meilensteine, Schnittstellen; agil für Entwicklung und Anforderungen. Kein „Anything goes“, sondern bewusste Zuordnung pro Arbeitspaket.
Beispiel E-Akte 2026: Rahmen prädiktiv (Baseline 120.000 €, Netzplan Phase 2, LA-Reporting nach Teil 6). Innen agil: Die Trainingspakete (Phase 3) werden in Sprints mit Burndown (4.1) entwickelt; das DMS-Mapping iteriert in Probezyklen (R2). Die Brücke: Sprint-Ergebnisse zählen als Fertigstellung in der EVA (7.5), der Release-Termin MS3 ist der Fixpunkt.
| Kriterium | prädiktiv (Wasserfall-artig) | agil (Scrum-artig) | hybrid |
|---|---|---|---|
| Anforderungen | stabil, vertraglich fixiert | entstehen, ändern sich | Kern fix, Umfeld iterativ |
| Abnahme | am Ende, gegen Spezifikation | je Increment (Review) | beides, je Paket |
| Budgetierung | über Baseline/BAC | über Team-Kapazität (fixe Kosten je Sprint) | Baseline je Phase, Sprint-Kapazität innen |
| Steuergröße | SPI/CPI, Netzplan | Velocity, Burndown | beides, konsolidiert (7.5) |
7.4 Wann was? Entscheidungshilfe
- Anforderungsstabilität: hoch und reguliert (Zahlungsverkehr, Bau) → prädiktiv. Niedrig, lernend (Usability, neue Services) → agil.
- Kosten der Fehlerfrüherkennung: teuer bei Spätentdeckung → agile Kurven (Review je Sprint). Gering, reversibel → prädiktiv.
- Vertrags- und Vergaberahmen: öffentliche Vergabe nach LVergabGG/EVB-IT erzwingt oft deterministische Leistungsbeschreibung → außen prädiktiv, innen iterativ mit Dienstleistern.
- Lieferfähigkeit: Nutzen entsteht erst komplett (Architekturanpassung) → Wasserfall; Nutzen stückweise (Portalanwendung) → agil.
- Teamreife: Scrum ohne Scrum Master/PO-Rollen ist Theater; dann besser klassisch klein steuern.
7.5 Agile Zahlen ins klassische Reporting überführen
Brücke Burndown ↔ EVA am Beispiel
Regeln für die Brücke: (1) Definition of Done = EV-Anerkennung — was nicht DoD-reif ist, zählt nicht; (2) SP-zu-€-Umrechnung je Paket festlegen und einfrieren; (3) Sprint-Zeitboxen als Vorgänge im Netzplan führen (Zeitbox bricht nicht den kritischen Pfad); (4) Velocity-Änderungen sind Frühwarnindikator für CPI-Drift (Trigger 5.7).
Typische Fehler
„Agil“ als Ausrede für Planlosigkeit nach außen; Velocity über Teams vergleichen; hybride Doppelstruktur (Wasserfalldokumentation PLUS volle Scrum-Zeremonien ohne Kürzung); SP-preise dynamisch umrechnen, bis jede Kennzahl beliebig wird.
AAnhang: Formeln, Checklisten, Schwellen, Quellenzuordnung
Der Anhang bündelt, was im Projektalltag schnell gebraucht wird: alle Formeln auf einer Seite, Checklisten als abhakbare Listen, die Schwellen- und Eskalationslogik im Kompendium und die Zuordnung der Kapitel zu PMBOK Guide 8. Edition und PRINCE2.
A.1 Formelsammlung auf einen Blick
| Bereich | Größe | Formel | Kapitel |
|---|---|---|---|
| Netzplan | Frühester Start / Ende | ES = max(EF aller Vorgänger) · EF = ES + D | 2.3, 2.4 |
| Spätester Start / Ende | LF = min(LS aller Nachfolger) · LS = LF − D | 2.3, 2.4 | |
| Gesamtpuffer | GP = LS − ES = LF − EF | 2.4 | |
| Projektdauer | max(EF) über alle Endvorgänge | 2.4 | |
| Kritischer Pfad | Weg über alle Vorgänge mit GP = 0 | 2.4 | |
| Schätzung | PERT-Erwartungswert | E = (O + 4·M + P) ÷ 6 | 2.7 |
| PERT-Streuung | σ = (P − O) ÷ 6 | 2.7 | |
| Projekt-Streuung | σProjekt = √(σ1² + σ2² + …) über den kritischen Pfad | 2.7 | |
| Earned Value | Termintreue | SV = EV − PV · SPI = EV ÷ PV | 3.4, 3.5 |
| Kostentreue | CV = EV − AC · CPI = EV ÷ AC | 3.4, 3.5 | |
| EAC, Rest planmäßig | EAC = AC + (BAC − EV) | 3.10 A | |
| EAC, Standard | EAC = BAC ÷ CPI | 3.6, 3.10 B | |
| EAC, beides schlägt durch | EAC = AC + (BAC − EV) ÷ (CPI × SPI) | 3.10 C | |
| EAC, Bottom-up | EAC = AC + neu geschätzter Restaufwand | 3.10 D | |
| Restaufwand | ETC = EAC − AC | 3.6 | |
| Endabweichung | VAC = BAC − EAC | 3.6 | |
| Resteffizienz | TCPI = (BAC − EV) ÷ (BAC − AC) | 3.7 | |
| Risiko & Budget | Risikoscore | Score = W × A (je 1–5) | 5.3 |
| Erwartungswert | EMV = Wahrscheinlichkeit × Schadenshöhe | 5.6 | |
| Budgetaufbau | Gesamtbudget = Leistung + Risikoreserve (im BAC) + Managementreserve (über BAC) | 5.6 | |
| Agile Forecast | Restdauer aus Burndown | Tage = Rest ÷ Ø-Tagesleistung | 4.2 |
| Termin aus Velocity | Sprints = Restmenge ÷ Velocity (P50 steuern, P85 zusagen) | 4.3, 7.2 |
Nachrechnen mit eigenen Zahlen: EVA-Rechner
A.2 Checklisten (im Browser abhakbar — ohne Speicherung)
Projektstart (vor Kick-off)
Monatlicher Controlling-Zyklus
Change Request — Prüffragen vor der Entscheidung (6.5)
Projektabschluss (8. Glossar: Projektabschluss)
A.3 Schwellen und Eskalation als Kompendium
| Kennzahl / Ereignis | gelb ab | orange ab | rot ab / Eskalation Stufe 1 | Kapitel |
|---|---|---|---|---|
| SPI | 0,97 | 0,90 | 0,85 | 3.9 |
| CPI | 0,97 | 0,90 | 0,85 | 3.9 |
| TCPI | 1,00 | 1,05 | 1,10 | 3.7 |
| VAC (erwartete Mehrkosten) | 2 % | 5 % | 10 % | 3.6, 6.3 |
| Risikoscore | 5 | 10 | 16 | 5.3 |
| Burndown-Abweichung | 10 % | 15 % (3 Tage) | 25 % | 4.1, 5.7 |
| Meilenstein-Verschlechterung | +1 Woche | +2 Wochen | 2 Berichte in Folge schlechter | 4.4 |
| Pufferverbrauch | 30 % | 50 % | 75 % | 2.3, 5.7 |
| Risikoreserve verbraucht | 40 % | 60 % | 80 % | 5.7 |
Diese Tabelle ist der Kompaktvorschlag dieses Werks; verbindlich sind nur die mit dem Auftraggeber vereinbarten Schwellen (6.2). Ändern sich Schwellen, ändern sich Ampeln rückwirkend nicht — Historie im Entscheidungslog sichern.
A.4 Zuordnung: Kapitel dieses Werks zu PMBOK Guide 8. Edition und PRINCE2
| Kapitel hier | PMBOK Guide 8. Edition | PRINCE2 |
|---|---|---|
| 1 Grundlagen | Einleitung, Wertschöpfungssystem, Performance Domain Governance/Stakeholder | Organization (Rollen), Starting up a Project |
| 2 Planung | Scope Domain (PSP), Schedule Domain (CPM), Schätztechniken | Plans, Following the plan |
| 3 EVA | Finance Domain, Leistungsmessung | Progress (Kosten- und Zeitkontrolle) |
| 4 Burndown & Trend | Schedule Domain, adaptive Techniken | Progress (MTA als deutsche Praxis) |
| 5 Risiko | Risk Domain, quantitative Analyse | Risk, Change (Budget-Reserven) |
| 6 Reporting & Steuern | Governance Domain, Focus Area Überwachung und Steuerung | Directing, Controlling a Stage, Ausnahmeprinzip |
| 7 Agil & hybrid | Entwicklungsansätze, Tailoring | Tailoring auf agile Umgebungen |
| 8 Glossar | gesamter Guide, mit Quellenangabe je Eintrag | Begriffe aus allen Themenbereichen |
Diese Zuordnung ist Orientierung, keine Eins-zu-eins-Abbildung; der PMBOK Guide ist ein Standard („was“), PRINCE2 eine Methode („wie“) — beide ergänzen sich (Glossar: PRINCE2 und PMBOK).
A.5 Der Monatsdurchlauf in 20 Minuten
Diese Routine ist die Kürzung des ganzen Werks auf einen wiederholbaren Arbeitsablauf — Wertermittlung, Kennzahlen, Trend, Bericht. Die Zahlen stammen aus dem Großbeispiel (M4), die Minuten sind Erfahrungswerte aus Mittelprojekten.
| Min. | Schritt | Werkzeug / Formel | Ergebnis am Beispiel |
|---|---|---|---|
| 0–5 | Stichtag setzen, Fertigstellungsgrade je Arbeitspaket nach Messregel einholen (nicht schätzen lassen — messen) | Tabelle wie 3.2a (EV-Erhebung) | EV 50.000 €; D = 3/8 Chargen |
| 5–8 | Istkosten je Paket zuordnen, Belegung gegen Kostenstellen prüfen | AC-Erhebung, Abgrenzungsregel (3.2) | AC 57.000 € |
| 8–10 | PV der Baseline zum Stichtag ablesen | S-Kurven-Tabelle (3.3) | PV 60.000 € |
| 10–12 | Kennzahlen berechnen | EVA-Rechner (Werkzeug 1); Formeln A.1 | SPI 0,83 · CPI 0,88 · EAC 136.800 · TCPI 1,11 |
| 12–14 | Trend gegen Vormonat lesen: Richtung, Konstanz, Cluster (welches Paket treibt?) | 4.5; Monatsvergleichstabelle 3.8 | CPI erholt sich, SPI fällt — Treiber: D |
| 14–16 | Terminseite: MTA fortschreiben, Pufferverbrauch ausweisen | Werkzeug 4; 4.4 | M2 +2 Wochen, zweite Verschlechterung → LA-Thema |
| 16–18 | Risiken: Status, Trigger, Reserve-Stand | 5.7-Tabelle; Werkzeug 2 bei Neu-Bewertungen | R2 eingetreten, 8 T€ Reserve, Restscore 4 |
| 18–20 | Bericht schreiben: 4 Ampeln je 1 Satz mit Zahl, Entscheidungsanträge mit Termin — Aussagen nach der Tabelle in 6.1 | Muster 6.1; Formulierungshilfen | Bericht Nr. 04 (Muster in 6.1 ist genau dieses Ergebnis) |
Was diese Routine nicht ersetzt: das Ursachengespräch am Arbeitspaket (EVA zeigt dass, nicht warum) und die Viertelstunde, in der man sich überlegt, welche Entscheidung man eigentlich braucht, bevor man Zahlen verschickt.
A.6 Zwölf Fragen aus der Praxis
- 1 · SPI ist schlecht, CPI gut — woran zuerst arbeiten?
- Terminproblem mit intakter Kosteneffizienz: zuerst Kapazität und Blocker prüfen (häufigster Fall: Warten auf Freigaben oder Vorgänger). Kostenmaßnahmen bringen hier nichts — Zeit zulegen durch Überstunden würde sogar den CPI beschädigen. Reihenfolge: Ursachencluster (3.9) → Netzplan neu rechnen → Entscheidung Optionen Termin/Umfang. (2.4, 3.9)
- 2 · CPI ist schlecht, SPI gut — kann das sein?
- Ja: schnelles Arbeiten zu hohen Preisen (Überstunden, teure externe Unterstützung, Nacharbeit unter Zeitdruck). Das Projekt „kauft“ Termintreue. Genau deshalb Trend beider gemeinsam lesen — und die EAC-Variante C (3.10) nutzen, wenn beide Ursachen zusammenhängen.
- 3 · Darf ich die Baseline ändern?
- Nur über einen dokumentierten Beschluss (Change-Freigabe oder Rebaselining nach LA-Entscheidung), nie zur „Beseitigung“ von Abweichungen. Alte Baseline und die Abweichungshistorie bleiben archiviert — sonst verliert jede spätere Aussage ihre Referenz. (Glossar: Baseline; 3.11)
- 4 · EV ohne Projektsoftware — wie anfangen?
- Mit einer Tabelle: je Arbeitspaket BAC-Anteil, Messregel, Ist-Status → EV-Summe (Muster in 3.2a). Für Projekte bis ~40 Paketen reicht das vollständig; der Werkzeug-Rechner hier setzt die Kennzahlen darauf. Die Messregel ist wichtiger als das Tool.
- 5 · Mein Auftraggeber will keine Indizes, „nur kurz sagen wie es steht“.
- Übersetzen statt belehren: SPI 0,83 heißt „von sechs geplanten Wochen Arbeit sind fünf da“; CPI 0,88 heißt „je 100 € ausgegeben entsteht Wert für 88 €“. Im Bericht eine Zeile Laiendeutsch unter die Zahl setzen (6.1) — die Zahl bleibt für Nachvollziehbarkeit stehen.
- 6 · Ab wann ist EVA-Aufwand gerechtfertigt?
- Faustregel: ab ~3 Monaten Laufzeit und ~20.000 € Volumen, oder wenn mehrere Teilprojekte zusammen gesteuert werden. Darunter reichen Meilensteintrend (4.4) + Budgetverbrauch. (3.11)
- 7 · Risiko ist eingetreten — was tun ich zuerst?
- Vom Register ins Problemmanagement: Notfallmaßnahme, Auswirkung bewerten, Issue mit Owner; Reserve anfordern über die vereinbarte Freigabe (5.6), Eintritt und Folgen im Statusbericht, Risikoregister-Eintrag schließen oder Restrisiko neu bewerten. (Glossar: Risiko oder Problem)
- 8 · Wie viele Risiken sind „richtig“?
- Zwischen 10 und 30 aktive Einträge sind bei Mittleren Projekten normal; entscheidend ist nicht die Zahl, sondern: jede Top-5 hat Owner, Maßnahme und Trigger. 80 Einträge ohne Pflege sind wertlos. (5.2, 5.7)
- 9 · Team liefert konstant weniger als geplant — Velocity erhöhen?
- Velocity ist Messgröße, keine Zielgröße (4.3). Statt Druck: Kapazität prüfen (2.8: Linie? Urlaube?), Story-Größen und Definition of Done prüfen (7.5), Blocker im Daily sammeln. Steigt dann nichts: Planung an die Realität anpassen — nicht umgekehrt.
- 10 · Ein Stakeholder blockiert — Eskalation?
- Erst die Matrix lesen (1.4): Bei hohem Einfluss hilft persönliche Einbindung meist mehr als formale Eskalation. Eskalieren erst, wenn eigene Mittel erschöpft sind — dann aber mit Sachverhalt, Auswirkung, Optionen, Empfehlung, Frist (6.3).
- 11 · Change-Freeze — darf der PM das anordnen?
- Ein Freeze ist ein Beschluss des Gremiums, nicht des PM allein. Der PM beantragt mit Begründung (z. B. TCPI > 1,10), der LA beschließt und die Dauer/Bedingung steht im Entscheidungslog. Beispiel E-21 in 6.4.
- 12 · Was gehört in den Abschlussbericht?
- Soll-Ist gegen Ziele (SMART, 1.3), EVA-Schlussstand (End-CPI als Lernzahl), Kosten- und Terminabweichung mit Ursachen, Risikoeintritte vs. Prognose (Qualität der Reserven!), Lessons Learned mit Zahlen, Übergabestand. Checkliste in A.2. (Glossar: Projektabschluss)
8Glossar: Begriffe von Abnahme bis Wertschöpfung
Das Glossar ist das Nachschlagewerk im Nachschlagewerk: jeder Begriff kurz erklärt, mit Quellenhinweis zum PMBOK Guide und Verweisen auf verwandte Einträge. Die Suche oben filtert live, die Kategorie-Chips grenzen ein. Einträge zu Kennzahlen und Schätzverfahren sind um die Werkzeug-Kapitel (Teile 2 bis 7) ergänzt.
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WWerkzeuge: vier interaktive Rechner
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Werkzeug 1
EVA-Rechner
Basisgrößen eingeben — alle Kennzahlen, Ampeln und Interpretationen live. Beispielwerte aus Teil 3 (Stichtag M4) sind vorgegeben.
Annahme der EAC-Berechnung: EAC = BAC ÷ CPI (bisherige Kosteneffizienz hält an, Variante B aus 3.10). ETC = EAC − AC. TCPI gegen BAC.
Werkzeug 2
Risiko-Bewerter
Wahrscheinlichkeit und Auswirkung einstellen — Score, Ampelklasse, empfohlene Strategie und Position in der Matrix live (Skalen aus 5.3).
Werkzeug 3
Burndown-Demo
Gesamtaufwand und Zeitraum vorgeben, Simulation starten: es wird ein realistischer Verlauf mit Tagesrauschen, Wochenanlauf und Schlussansturm erzeugt — samt Ist-Kurve, Soll-Linie und Endprognose.
Jeder Klick erzeugt einen neuen Zufallsverlauf — wie im echten Projekt: dieselbe Planung, unterschiedlicher Tagesgeschäft.
Werkzeug 4
Meilenstein-Trend-Check
Je Meilenstein: ursprünglich geplanter Termin und aktuelle Prognose eintragen — der Check zeigt die Verschiebung in Tagen und den Trendpfeil (wie in 4.4). Datumsfelder acceptieren TT.MM.JJJJ oder JJJJ-MM-TT.
| Meilenstein | Geplant (ursprünglich) | Aktuelle Prognose | Trend |
|---|
Faustregel aus 4.4: zwei Berichte in Folge „verschlechtert“ = Thema in die Lenkungssitzung.