PM-Nachschlagewerk und Steuerungshilfe

Nachschlagen, verstehen, durchrechnen: Grundlagen, EVA, Risiko, agile Steuerung, Werkzeuge

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Arbeitshilfe zum Nachschlagen und Durchrechnen: Begriffe und Techniken des Projektmanagements (gegliedert nach PMBOK Guide 8. Edition, ergänzt um PRINCE2 und deutsche Verwaltungspraxis), dazu vollständig durchgerechnete Beispiele, Grafiken und vier interaktive Rechenwerkzeuge. Die Texte ersetzen nicht das Original; zum Nachlesen ist jeweils der passende Teil des Guides genannt.

Beispielprojekt für das ganze Werk

„E-Akte 2026“ — Einführung eines Dokumentenmanagementsystems in einer Stadtverwaltung: 8.000 digitale Akten, drei Fachämter, 140 Endanwender. Gesamtbudget (BAC) 120.000 €, Laufzeit Januar bis August 2026 (8 Monate), Projektleitung (PL), Lenkungsausschuss (LA) mit Kämmerer, IT-Leitung und Erstem Beigeordneten. Die Kernphase „Migration im Pilotamt“ wird in Teil 2 als Netzplan mit 6 Vorgängen (A bis F) über 14 Wochen durchgerechnet; Teil 3 steuert das Gesamtprojekt monatlich nach Earned-Value-Methode.

1Grundlagen: Controlling-Zielbild, Charta, Ziele, Stakeholder, Rollen

Ohne geklärten Auftrag, messbare Ziele und bekannte Beteiligte ist jedes Controlling Zahlenrausch. Teil 1 legt das Fundament, auf dem alle Kennzahlen der Teile 3 bis 7 erst sinnvoll werden.

1.1 Was ist Projektcontrolling?

Was ist es? Projektcontrolling ist das fortlaufende Vergleichen von Soll (genehmigter Plan) und Ist (gemessener Stand) mit dem Ziel, frühzeitig zu erkennen, ob Ziele, Termine oder Budget gefährdet sind, und rechtzeitig gegenzusteuern. Es ist Führungsfunktion, nicht Bürokratie: Zahlen dienen Entscheidungen, nicht der Rechtfertigung.

Wofür? Damit Abweichungen erkannt werden, solange noch Handlungsoptionen existieren — ein um zwei Monate erkannter Terminverzug ist eine Plananpassung, ein um acht Monate erkannter ein Projektminenfeld.

So geht's (Kernzyklus, wiederholt monatlich oder pro Sprint):

  1. Basis schaffen: genehmigte Baseline für Umfang, Termin, Kosten (Teil 2). Ohne Baseline kein Soll.
  2. Ist messen: Fertigstellungsgrade und Kosten erfassen, einheitlich und zum Stichtag.
  3. Vergleichen: Abweichungen und Kennzahlen bilden (SPI, CPI — Teil 3).
  4. Interpretieren: Ursachen klären — Kennzahlen zeigen dass, nie warum.
  5. Entscheiden und nachfassen: Maßnahmen wirken lassen und Wirkung im nächsten Zyklus prüfen.

Typische Fehler

Vergleich gegen den letzten Plan statt gegen die Baseline (jede Anpassung „ Normalisierung“); Messstichtage, die jeder Partner anders legt; Controlling als Monatsritual ohne Entscheidung; Zahlen sammeln, aber Ursachen nie vor Ort klären.

1.2 Projektcharta (Projektauftrag)

Was ist es? Eine ein- bis zweiseitige Urkunde, in der der Auftraggeber das Projekt formal bevollmächtigt: Ziel, Nutzen, Umfang, Budgetrahmen, Rollen, Berichtswesen und Entscheidungswege. Beim öffentlichen Sektor oft „Projektbeschluss“ mit Dienstanweisungscharakter.

Wofür? Die Charta ist die Legitimation der Projektleitung („wer bestimmt hier eigentlich?“) und der Referenzpunkt für jede spätere Änderung (Teil 6). Ohne sie ist jedes Controlling gegen ein bewegliches Ziel.

So geht's — Mindestbestandteile: Auftrag und Hintergrund · SMART-Ziele · grober Umfang mit Abgrenzung („nicht Gegenstand: …“) · Meilensteine · Budget und Freigabeinstanzen · Organisation (PL, LA, Kernteam) · Berichtspflichten · benannte Risiken am Start · Unterschriften.

Beispiel: Charta-Auszug „E-Akte 2026“

FeldEintrag
AuftragEinführung DMS „Akte24“ in drei Ämtern bis 31.08.2026, Pilotamt Bauamt ab 04.05.2026
Ziel8.000 Altakten digital verfügbar; Auskunftsdauer je Akt von 3 Tagen auf 30 Minuten senken
Nicht GegenstandAkte born-digital neu ab 2027; Umbau des Archivs
Budget120.000 € Kostenbasis inkl. 23.000 € Risikoreserve; Freigaben > 5.000 € durch LA
OrganisationPL: Frau Hoffmann (50 %); LA: Erster Beigeordneter, Kämmerer, IT-Leiter; monatlicher Statusbericht

Typische Fehler

Charta ohne Abgrenzung („nicht Gegenstand“) — Tür offen für Scope Creep; Ziele ohne Messgröße; Charta geschrieben und nie wieder gelesen, obwohl sich Rahmenbedingungen ändern.

1.3 Ziele nach SMART

Was ist es? Prüfmaßstab für Zielformulierungen: Spezifisch, Messbar, Akzeptiert (durch Auftraggeber), Realistisch, Terminiert. Jedes Ziel muss ohne Interpretation messbar und einem Berichtstermin zuordenbar sein.

Wofür? Nur messbare Ziele lassen sich controllen; das Ziel ist zugleich Abnahmekriterium (Teil 8 Glossar: Abnahme) und Messlatte für den Nutzen (Business Case).

Durchgearbeitet: zwei Formulierungen prüfen

SchwachSMART-verbessertPrüfung
„Abläufe werden digitalisiert.“„Bis 31.08.2026 sind 8.000 Altakten (Zählung im DMS) eingescannt und mit Aktenplan verknüpft; Stichprobe 200 Akten ohne falsche Zuordnung.“SMART
„Anwender sind zufriedener.“„Bis 30.09.2026 erreichen 70 % der 140 Anwender in der jährlichen Umfrage mindestens 3,5 von 5 Punkten bei „Akte auffindbar“.“Messgröße und Termin ergänzt; Realismus aus Vorjahresumfrage (3,1) geprüft

Typische Fehler

Messgröße ohne Datenquelle („Woher kommt die Zahl?“); Ziele, die nur das Produkt, nicht die Wirkung beschreiben; sechs „Hauptziele“, von denen keines messbar ist.

1.4 Stakeholder-Analyse

Was ist es? Systematisches Erfassen aller Personen und Gruppen, die das Projekt beeinflussen oder von ihm betroffen sind, und Einordnen nach Einfluss (Macht) und Interesse. Ergebnis ist ein Stakeholderregister plus Behandlungsstrategie je Quadrant.

Wofür? Widerstand erzeugt Termin- und Budgetrisiken. Wer die Träger von Entscheidungen kennt, plant Kommunikation und Eskalationswege (Teil 6) gezielt statt diffus „alle zu informieren“.

So geht's: (1) Brainstorming mit Kernteam und Auftraggeber, auch Kritiker benennen · (2) je Stakeholder: Rolle, Interesse, Haltung (ablehnend bis führend), Erwartung an Information · (3) Einordnung in die Matrix · (4) Maßnahmen je Quadrant · (5) alle 2–3 Monate fortschreiben — Haltungen verschieben sich.

Maßnahmen je Quadrant

Hoher Einfluss + hohes Interesse → eng steuern (persönlich, wöchentlich, in Entscheidungen)

Hoher Einfluss + geringes Interesse → zufriedenstellen (kurz, faktisch, keine Überraschungen)

Geringer Einfluss + hohes Interesse → informieren (regelmäßig, kanalbasiert)

Geringer Einfluss + geringes Interesse → beobachten (auf Abruf)

ZUFRIEDENSTELLEN Macht ohne Eigeninteresse: kurz, faktisch, keine Überraschung ENG STEUERN Entscheidungsträger: persönlich, im Lenkungsausschuss BEOBACHTEN auf Abruf informieren INFORMIEREN regelmäßig, kanalbasiert, Feedback aufnehmen Interesse am Projekt → Einfluss / Macht → Erster Beigeordneter (LA-Vorsitz) IT-Leitung Kämmerer (Budget) Betriebsrat (Mitbestimmung) Sachbearbeiter Bauamt (140 Nutzer) Scan-Dienstleister Punkte: Ist-Einordnung zum Projektstart (Januar 2026). Rote Punkte: eng steuern. Bewertung im Stakeholderregister dokumentieren, alle 2–3 Monate prüfen.
Abb. 1.1 — Einfluss-Interesse-Matrix „E-Akte 2026“. Der Betriebsrat startet mit geringem Interesse, kann aber bei Umorganisationen der Aktenführung in den Quadranten „eng steuern“ wandern — deshalb das Register lebendig halten.

Typische Fehler

Nur Befürworter analysieren; Analyse einmalig zum Start; Stakeholder als statisch behandeln; heikle Einordnungen (z. B. „ablehnend“) nicht verschriftlichen, sodass Nachfolge-PM das Wissen verliert.

1.5 RACI-Matrix

Was ist es? Tabelle, die je Aufgabe/Arbeitspaket genau eine Person Accountable (gesamte Verantwortung, genau eine je Aufgabe), ein oder mehrere Responsible (durchführend), Consulted (vor Entscheidung zu hören) und Informed (nach Entscheidung zu informieren) zuordnet.

Wofür? Der häufigste Konflikthebel im Projektcontrolling ist unklare Entscheidungszuständigkeit („dachte, das macht die IT“). RACI macht Verantwortung vorab prüfkbar.

So geht's: Zeilen = Arbeitspakete/Entscheidungen aus dem Projektstrukturplan (Teil 2.1), Spalten = Rollen. Regel prüfen: je Zeile genau ein A; je Person nicht überall A; C sparsam (jedes C kostet Abstimmungszeit).

RACI „E-Akte 2026“ — Auszug für die Kernphase Migration
Aufgabe / EntscheidungPLAuftraggeber (LA)IT-LeitungFachabteilung PilotamtDienstleister
Projektstrukturplan fortentwickelnA RICCI
Freigabe Baseline (Termin/Kosten)RACII
Altdaten bereinigen (AP C)ICA RR
Migration durchführen (AP D)AICCR
Abnahme PilotphaseRACCI
Change Requests entscheiden (bis 5.000 €)AICCI
R = Responsible (durchführend)A = Accountable (genau einer je Zeile)C = ConsultedI = Informed

Typische Fehler

Zwei A in einer Zeile (Doppelverantwortung = keine); Gremien als A eintragen; RACI über 60 Zeilen aufblähen statt auf steuerungsrelevante Aufgaben zu konzentrieren; nie mit Beteiligten durchgesprochen.

1.6 Projektorganisation (OBA)

Was ist es? Die Aufbau- und Ablauforganisation des Projekts: reine, Matrix- oder Einflussprojektorganisation. Im öffentlichen Sektor fast immer Matrix: Teammitglieder bleiben fachlich ihrer Behörde zugeordnet, arbeiten projektisch für begrenzte Wochenstunden.

So geht's: OBA zeichnen (wer berichtet an wen, wer entscheidet was), weekly hours der Projektmitarbeiter schriftlich mit Fachvorgesetzten vereinbaren, Stellvertretungen benennen, Schnittstellen zur Linie definieren (wer macht Betrieb nach Go-live — Teil 8: Übergabe in den Betrieb).

Beispiel: Matrix-Konsequenz beim „E-Akte 2026“

Die zwei Key-User des Bauamts sind zu 60 % für das Projekt eingeplant. Der Amtsleiter reserviert sie im Mai zusätzlich für eine Jahresstatistik. Ohne Abstimmung drohen 2×0,6 Personemonate = ca. 96 Personentage Verzug — im Netzplan (Teil 2.3) liegt Vorgang E (Testdaten prüfen) genau dann mit 3 Wochen Puffer. Konfliktlösung: Statistik auf Juni verschoben, weil E Puffer hat. Das ist Controlling vor der Zahl: Organisationswissen wirkt, bevor Kennzahlen es melden.

Typische Fehler

Einplanung „mit 100 %“ obwohl Linie mitzählt (Realistisch: 60–80 % netto); keine Stellvertretung für PL; Betriebsübergabe nicht in der OBA verankert.

2Planung: Strukturplan, Terminplan, Netzplan, Schätzen

Planung erzeugt die Baseline — das Soll, gegen das alle Teile 3 bis 7 messen. Kern dieses Teils: ein Netzplanbeispiel mit 6 Vorgängen, das von der Vorwärts- bis zur Rückwärtsrechnung vollständig Schritt für Schritt durchgerechnet wird.

2.1 Projektstrukturplan (WBS / PSP)

Was ist es? Hierarchische, lückenlose Zerlegung des gesamten Projektumfangs in steuerbare Arbeitspakete (AP). Die 100-%-Regel: Was nicht im Strukturplan steht, gehört nicht zum Projekt — und was im Strukturplan steht, braucht Kosten, Termin und Verantwortlichen (RACI, Teil 1.5).

Wofür? Der Strukturplan ist das Fundament für Schätzung (Bottom-up, Teil 2.6), Terminplanung (Netzplan), Verantwortung (RACI) und Leistungsmessung (EVA bewertet Fortschritt je Arbeitspaket). Strukturplanfehler pflanzen sich in jede Kennzahl fort.

So geht's: (1) Ergebnisorientiert gliedern — nach Phasen, Objekten oder Funktionen, nicht nach Abteilungen · (2) hierarchisch nummerieren (1, 1.1, 1.1.1) · (3) auf Arbeitspakete herunterbrechen, bis ein Paket einem Verantwortlichen zuordenbar und in 2–10 Personentagen bewertbar ist · (4) je AP: Ergebnis, Aufwand, Termin, Abhängigkeiten, Risiko-Querverweis · (5) Abgrenzungsliste „nicht Gegenstand“ ergänzen.

E-Akte 2026BAC 120.000 € · 8 Monate 1 Vorbereitung18.000 € 2 Migration (Pilot)52.000 € · AP A–F 3 Schulung20.000 € 4 Rollout22.000 € 5 Abschluss8.000 € A Analyse (3 Wo) B DMS einrichten (4) C Bereinigung (2) D Migration (5) E Testdaten (4) F Freigabe (2) Kick-off, Charta, Vergabe Bedarfsanalyse, Trainings Ämter 2 + 3, Service Desk Abnahme, Lessons Phase 2 wird in 2.3 (Netzplan) und 2.2 (Gantt) vollständig durchgerechnet. Die 100-%-Regel prüfen: 18 + 52 + 20 + 22 + 8 = 120.000 € = BAC.
Abb. 2.1 — Projektstrukturplan „E-Akte 2026“. Die Summe der Phasen entspricht exakt dem BAC — das ist keine Formalie, sondern die Prüfung der 100-%-Regel.

Typische Fehler

Strukturierung nach Organisationschart (Abteilungen) statt nach Ergebnis; „Sonstiges“-Pakete; Pakete zu groß für Verantwortung („Migration“ ist keine AP, sondern eine Phase); Projektmanagementkosten (PM itself) vergessen — im Beispiel steckt PM-Aufwand anteilig in den Phasen.

2.2 Balkenplan (Gantt) und Meilensteine

Was ist es? Zeitliche Darstellung der Vorgänge als Balken auf einer Zeitskala, abgeleitet aus dem Netzplan. Meilensteine sind Ereignisse mit Dauer null, dargestellt als Rauten. Der Gantt zeigt den Plan, der Netzplan rechnet ihn.

Wofür? Kommunikation: Kein Lenkungsausschuss liest Netzpläne, jeder liest Balkenpläne. Für Steuerung gilt: Puffer, kritischer Pfad und Abhängigkeiten müssen im Gantt sichtbar bleiben, sonst wirkt jeder Vorgang gleich wichtig.

02468101214 Projektwoche (Phase 2 Migration) A Analyse Altakten B DMS einrichten C Altdaten bereinigen D Migration durchführen E Testdaten prüfen F Freigabe Pilot Meilensteine 3 Wo4 Wo2 Wo5 Wo4 Wo2 Wo MS1MS2MS3 kritischer Pfad (kein Puffer) mit Puffer (C: 3 Wo, E: 3 Wo)
Abb. 2.2 — Balkenplan Phase 2: 14 Wochen, kritischer Pfad A→B→D→F (rot), Vorgänge C und E haben je 3 Wochen Gesamt­puffer. MS1 Analyse abgeschlossen (Ende Wo 3), MS2 Migration technisch fertig (Wo 12), MS3 Pilot freigegeben (Wo 14).

Typische Fehler

Gantt ohne Abhängigkeiten „gezeichnet“ statt aus dem Netzplan abgeleitet — Puffer stehen dann falsch; Meilensteine ohne Prüfkriterium (woran erkennt der LA „abgeschlossen“?); Puffer unsichtbar, weil in Vorgangsdauern versteckt statt ausgewiesen.

2.3 Netzplan und kritischer Pfad — Theorie

Was ist es? Gerichteter Graph aus Vorgängen (Knoten) und Anordnungsbeziehungen (Kanten). Die Critical Path Method (CPM) berechnet daraus früheste/späteste Termine, Puffer und den kritischen Pfad: die längste Kette abhängiger Vorgänge — jede Verzögerung dort verschiebt das Projektende.

Formeln der Netzplantechnik (Vorgang mit Dauer D)

Vorwärts: ES = max(EF aller Vorgänger) · EF = ES + D

Rückwärts: LF = min(LS aller Nachfolger) · LS = LF − D

Gesamtpuffer: GP = LS − ES = LF − EF   ·   Projektende = max(EF)

ES frühester Start · EF frühestes Ende · LS spätester Start · LF spätestes Ende · GP Gesamt­puffer. GP = 0 ⇒ kritisch. Kritischer Pfad = Weg vom Start zum Ende nur über GP-0-Vorgänge.

Wichtig: „Puffer“ ist kein Eigentum eines Vorgangs, sondern liegt auf dem Weg. Verbraucht C seinen Puffer, kann E ihn nicht mehr nutzen — Puffer wird netzweit neu gerechnet. Deshalb nach jeder Änderung den ganzen Plan neu rechnen (Werkzeuge wie MS Project machen das; das Verständnis hier bleibt nötig, um die Ausgaben zu prüfen).

2.4 Netzplan vollständig durchgerechnet (Vollbeispiel, 6 Vorgänge)

Beispiel Phase 2 „Migration im Pilotamt“: 6 Vorgänge mit Dauer in Wochen und Anordnungsbeziehungen (Ende-Anfang):

Vorgangsliste Phase 2
VorgangBeschreibungDauer D (Wochen)Vorgänger
AAltakten analyse­rieren, Scanvolumen bestimmen3
BDMS einrichten (Akte24), Rechte konfigurieren4A
CAltdaten bereinigen (Dubletten, Aktenteile)2A
DMigration durchführen (Import, Verknüpfung Aktenplan)5B
ETestdaten prüfen (Stichproben, Freigabetests)4C
FGesamtfreigabe Pilot (Präsentation, Abnahmeerklärung)2D, E

Schritt 1 — Vorwärtsrechnung (früheste Termine)

Rechenweg ES und EF

Vorgang A (kein Vorgänger): ES = 0 EF = 0 + 3 = 3 Vorgang B (Vorgänger A): ES = EF(A) = 3 EF = 3 + 4 = 7 Vorgang C (Vorgänger A): ES = EF(A) = 3 EF = 3 + 2 = 5 Vorgang D (Vorgänger B): ES = EF(B) = 7 EF = 7 + 5 = 12 Vorgang E (Vorgänger C): ES = EF(C) = 5 EF = 5 + 4 = 9 Vorgang F (Vorgänger D und E): ES = max(EF D, EF E) = max(12, 9) = 12 EF = 12 + 2 = 14 Projektende (frühestens) = max(EF) = EF(F) = 14 Wochen

Lesart: F kann frühestens starten, wenn beide Vorgänger fertig sind — D endet bei 12, E bei 9, also wartet F eine Woche auf D. Diese eine Zeile max(12, 9) = 12 ist der gesamte Trick der Vorwärtsrechnung.

Schritt 2 — Rückwärtsrechnung (späteste Termine)

Rechenweg LS und LF (Start beim Projektende 14)

Vorgang F (Projektende): LF = 14 LS = 14 − 2 = 12 Vorgang D (Nachfolger F): LF = LS(F) = 12 LS = 12 − 5 = 7 Vorgang E (Nachfolger F): LF = LS(F) = 12 LS = 12 − 4 = 8 Vorgang B (Nachfolger D): LF = LS(D) = 7 LS = 7 − 4 = 3 Vorgang C (Nachfolger E): LF = LS(E) = 8 LS = 8 − 2 = 6 Vorgang A (Nachfolger B und C): LF = min(LS B, LS C) = min(3, 6) = 3 LS = 3 − 3 = 0

Lesart: A darf spätestens bei Woche 3 enden — nicht weil A selbst eng wäre, sondern weil der Nachfolger B (kritisch) bei 3 starten muss. min(3, 6): der strengste Nachfolger schlägt zu.

Schritt 3 — Puffer und kritischer Pfad

Gesamtpuffer GP = LS − ES

A: 0 − 0 = 0 → kritisch B: 3 − 3 = 0 → kritisch C: 6 − 3 = 3 → 3 Wochen Puffer D: 7 − 7 = 0 → kritisch E: 8 − 5 = 3 → 3 Wochen Puffer F: 12 − 12 = 0 → kritisch Kritischer Pfad: A → B → D → F mit 3 + 4 + 5 + 2 = 14 Wochen Sekundärpfad: A → C → E →(F) mit 3 + 2 + 4 = 9 Wochen + 5 Wochen Warte-/Pufferzeit
A · AnalyseB · DMSD · Migration C · BereinigungE · TestdatenF · Freigabe 033 003 347 307 7512 7012 12214 12014 325 638 549 8312 Knotenformat: ES | D | EF / LS | GP | LF (Wochen) — rote Knoten und Kanten = kritischer Pfad A→B→D→F, Länge 14 Wochen. Pfeile A→C und E→F grau (ungekritzelter Weg mit Puffer): C und E haben je GP = 3; F wartet im frühesten Plan 1 Woche auf D (12 > 9).
Abb. 2.3 — Netzplan Phase 2 mit ES/D/EF und LS/GP/LF je Knoten. Der kritische Pfad ist rot; graue Knoten tragen 3 Wochen Gesamt­puffer.

Sensitivitätsprobe: Was passiert, wenn C 6 statt 2 Wochen dauert?

Neu: ES(C) = 3, EF(C) = 9 → E startet bei 9, endet 13 F startet bei max(EF D = 12, EF E = 13) = 13, endet 15 Projektende: 15 Wochen (+1)

Der bisherige 3-Wochen-Puffer von C/E ist aufgebraucht und der Nebenweg wird kritisch. Lehre: Ein Vorgang wird nie „auf dem Papier“ kritisch — er wird es durch Verbrauch von Puffer. Deshalb Pufferverbrauch im Bericht ausweisen (Teil 6.1).

Typische Fehler

min/max-Regeln vertauschen (Vorwärts max, Rückwärts min); Puffer als „Reservezeit je Vorgang“ dem Team geschenkt statt zentral gesteuert; Vergessen, dass mehrere Enden existieren (hier nur F — bei mehreren Endknoten an jedem rechnen); Netzplan nach jeder Änderung nicht neu gerechnet.

Rechnerisch prüfen: Netzplantechnik folgt denselben max/min-Regeln, die der EVA-Rechner in Teil 3 für kumulierte Werte nutzt — → Direkt rechnen: EVA-Rechner

2.5 Meilensteine planen

Was ist es? Punkte vonnullter Dauer mit objektiv prüfbarem Abschlusskriterium. Meilensteine sind die Zeitpunkte, an denen Steuerung sichtbar wird (LA-Sitzungen, Zahlungen, Abnahmen).

Meilensteine „E-Akte 2026“ (Auszug)
MeilensteinPrüfkriterium (Auszug)TerminTyp
MS1 Konzept/Charta genehmigtLA-Beschluss liegt unterschrieben vor31.01.2026Pflicht
MS2 Pilotmigration technisch fertig8.000 Akten importiert, Fehlerquote < 0,5 %Woche 12 der Phase 2Pflicht
MS3 Pilot freigegebenAbnahmeerklärung Bauamt + Freigabetests E bestandenWoche 14 der Phase 2Pflicht
MS4 Verlängerter Betrieb30 Tage stabil, Service-Desk-Tickets < 10/Monat+6 Wochen nach MS3optional

Typische Fehler

Meilensteine ohne Kriterium („Schulung gemacht“); zu viele (LA verliert Blick); Datum-Meilensteine ohne Vorgänger im Netzplan, die „gefühlte“ Termine erzeugen. Trend der Meilensteintermine überwacht die Meilensteintrendanalyse (Teil 4.4).

2.6 Anforderungen gewichten: MoSCoW

Was ist es? Priorisierung in Muss (Lieferung ohne Muss gilt als Misserfolg), Soll (wichtig, Ersatz möglich), Kann (nice-to-have), Won't-this-time (bewusst diesmal nicht). Regel: Die Muss-Anforderungen müssen allein, innerhalb des Budgets, lieferbar sein — sonst ist der Umfang zu groß.

PrioBeispiel „E-Akte 2026“Steuerungswirkung
Muss8.000 Altakten suchbar; Aktenplan-Kopplung; 3 Ämter; DatenschutzfreigabeBasline-fest, Änderung nur per Change Request
SollMobile Ansicht; Volltextsuche über AnhängeErste Kandidaten für Abstraktion bei Termindruck
Kannautomatische Vorschlagssfunktionen, dunkles DesignNur wenn Sprintkapazität übrig (Velocity-Puffer)
Won'tKommunikationsschnittstelle zum SitzungsdienstDokumentiert, verhindert Scope Creep

Typische Fehler

80 % Muss (dann keine Priorisierung); Muss ohne Kostenklärung; Won't-Liste fehlt und jede Idee frisst Puffer.

2.7 Schätzverfahren

Verfahren im Vergleich (Genauigkeit steigt mit Detailwissen)
VerfahrenPrinzipTypische GenauigkeitAufwandEinsatz
ExpertenschätzungErfahrene schätzen einzeln, Abweichungen werden diskutiert (Delphi-Kernidee: anonym, iterativ)−25 % bis +75 % (Größenordnung)geringfrühe Phase, grobe Budgetrahmen
Analogieschätzungvergleichbares Vorhaben als Anker, Zuschlag für Unterschiede−15 % bis +30 %geringwenn ähnliche Projekte vorliegen
Parametrische SchätzungKennzahl × Menge (Euro je Einheit)−10 % bis +20 %mittelwiederholte gleichartige Leistungen
Dreipunkt/PERToptimistisch (O), realistisch (M), pessimistisch (P), gewichteter Erwartungswert±1σ je Güte der O/P-SchätzungmittelVorgangsschätzung im Netzplan
Bottom-upSumme der Arbeitspakete aus dem Strukturplan−5 % bis +10 %hochBaselining, Vertragspreise

Dreipunkt/PERT-Formeln

Erwartungswert: E = (O + 4·M + P) ÷ 6

Standardabweichung: σ = (P − O) ÷ 6

Projekt (nur kritischer Pfad): σProjekt = √( σA² + σB² + … )

O best case (alles klappt) · M realistisch-häufigster Fall · P worst case (ohne Katastrophe). Beta-Verteilung: der realistische Fall zählt vierfach.

Durchgerechnet: Vorgang B („DMS einrichten“) und der kritische Pfad

Schätzung B: O = 3 Wochen, M = 4 Wochen, P = 9 Wochen E(B) = (3 + 4·4 + 9) / 6 = (3 + 16 + 9) / 6 = 28 / 6 ≈ 4,67 Wochen σ(B) = (9 − 3) / 6 = 1,0 Woche Kritischer Pfad A–B–D–F, Dreipunktschätzungen: A: O 2 / M 3 / P 4 → σ(A) = (4−2)/6 ≈ 0,33 E(A) = 3,00 B: σ(B) = 1,00 E(B) = 4,67 D: O 4 / M 5 / P 8 → σ(D) = (8−4)/6 ≈ 0,67 E(D) = (4+20+8)/6 = 5,33 F: O 1 / M 2 / P 3 → σ(F) = (3−1)/6 ≈ 0,33 E(F) = 2,00 Erwartete Pfadlänge = 3,00 + 4,67 + 5,33 + 2,00 ≈ 15,0 Wochen σ(Projekt) = √(0,33² + 1,00² + 0,67² + 0,33²) = √1,67 ≈ 1,29 Wochen Zusage nach Draufschlagen: 15,0 + 1,29 ≈ 16,3 Wochen ≈ P84 → nach außen 16–17 Wochen zusagen, intern 15 steuern

Lesart: Die deterministische Dauer im Netzplan (Teil 2.4) lautete 14 Wochen; die PERT-Rechnung mit unscharfen Vorgängen erwartet 15 und empfiehlt, mit rund +1σ zu planen. Der Unterschied ist kein Widerspruch, sondern Risiko-Kapital: Genau dafür gibt es Reserven (Teil 5.6).

Durchgerechnet: parametrische Schätzung des Scannens

Vorjahr „Scan-Teilprojekt Stadtwerke“: 2.500 Akten für 9.500 € → Kennzahl 3,80 € je Akte (Scan + Barcodierung + Einlagerung) „E-Akte 2026“: 8.000 Akten × 3,80 € = 30.400 € Zuschlag schwankende Aktenlagen (+20 %): 36.500 € gerundet

Kennzahlenschätzung ersetzt keine Detailplanung, aber sie ist ein starker Plausibilitätscheck: Weicht die Bottom-up-Summe um mehr als ±30 % von der Analogie ab, liegt meist ein Struktur- oder Aufwandsfehler vor.

Typische Fehler

Schätzen in Sitzungen unter Anwesenheit von Vorgesetzten (Anker- und Autoritätseffekt); P als „unendlich schlimm“ angeben (σ explodiert); Schätzung mit Budget verwechseln — Schätzung wird erst mit Reserven (5.6) zum Budget; keine Abgleichsrechnung zwischen Verfahren.

2.8 Kapazität und Ressourcenabgleich — gerechnet

Was ist es? Gegenüberstellung von benötigtem Aufwand (aus den Arbeitspaketen) und verfügbarer Kapazität (realistisch, nach Abzug von Urlaub, Krankheit und Linie). Erst danach weiß man, ob der Netzplan mit Menschen begehbar ist.

Kapazitätsformeln

Nettoverfügbarkeit = Bruttotage × Anteil Projekt × Faktor netto

Kapazitätslücke = Bedarf − interne Nettoverfügbarkeit (=> externe Beschaffung)

Faktor netto deckt Urlaub, Krankheit, Fortbildung, Linie: Erfahrungswert 0,75–0,85. Mit 100 % zu planen ist der häufigste Kapazitätsfehler überhaupt.

Phase 2 „Migration“: 14 Wochen, Bedarf 180 Personentage (PT)

Bruttotage im Zeitraum: 14 Wochen × 5 Tage = 70 AT Intern verfügbar (Faktor netto 0,8): 2 Key-User à 60 % Projektanteil: 2 × 70 × 0,60 × 0,8 = 67,2 PT Projektleitung 50 %: 70 × 0,50 × 0,8 = 28,0 PT Intern gesamt: = 95,2 PT Kapazitätslücke: 180 − 95,2 = 84,8 → 85 PT Dienstleister Externe Kosten: 85 PT × 480 €/PT = 40.800 € (Kernstück der Phasenkosten 52.000 €)

Probe gegen Phase 2 des Strukturplans (52.000 €): 40.800 € extern + interne anteilige Kosten + Sachkosten (Scanner, Testgeräte) ergibt die Phase — die Kapazitätsrechnung ist damit zugleich eine Plausibilitätsprüfung der Kostenschätzung.

Ressourcenabgleich (Leveling): Überlastet eine Person zwei Vorgänge gleichzeitig, wird verschoben — liegt Puffer auf dem Weg, verschiebt sich nur innerhalb des Projekts (Glättung); ohne Puffer verschiebt sich das Projektende, und der Netzplan muss neu gerechnet werden. Beispiel: Die beiden Key-User sind in Woche 5–9 gleichzeitig für C (Bereinigung) und E (Testdaten) eingeplant. Im Netzplan aus 2.4 laufen C und E parallel — Lösung: E beginnt bedarfsgerecht nach den ersten Migrationschargen (dann sequentialisiert sich die Arbeit von selbst), oder eine Aufgabe weicht auf die im 1.6 genannte Vertretung aus.

Typische Fehler

Netto mit Brutto verwechseln („6 Wochen Zeit, also 6 Wochen Arbeit“); Kapazität über Rollen statt Personen planen (Rollen haben keine Urlaubsplanung); Abgleich nur einmal zur Baseline statt bei jeder Netzplanänderung; Überlast per Überstunde „lösen“ und die Mehrkosten nicht in AC sichtbar machen.

3Earned-Value-Analyse (EVA) — das Herzstück der Steuerung

Die Earned-Value-Methode verbindet Umfang, Termin und Kosten in einem Kennzahlensystem. Dieses Teil enthält die Grundgrößen, alle Formeln mit Interpretationssätzen und ein durchgängiges Großbeispiel (BAC 120.000 €, 8 Monate), das über vier Monate vollständig durchgerechnet wird — plus die ehrliche Antwort, wann EVA nichts taugt.

Alle Zahlen dieses Teils live nachrechnen: → Direkt rechnen: EVA-Rechner

3.1 Grundgedanke

Was ist es? EVA bewertet die erbrachte Leistung zu Planpreisen und macht sie so mit Plankosten und Istkosten vergleichbar. Die Kernfrage lautet nicht „Wie viel Geld ist weg?“, sondern „Was haben wir für das Geld bekommen — und was hätten wir bis heute bekommen sollen?“

Wofür? Klassische Abweichungsanalyse (Istkosten vs. Budget) verwechselt Fortschritt mit Geldverbrauch: Wer teuer schnell baut, sieht „Kostenüberschreitung“, obwohl der Termin glänzt; wer langsam spart, wirkt gesund, während der Termin kippt. EVA trennt beides in zwei Indizes: SPI für Termin, CPI für Kosten.

So geht's (monatlich): (1) Baseline mit wertmäßiger Verteilung festlegen (PV-Kurve) · (2) Fertigstellungsgrade der Arbeitspakete erheben → EV · (3) Istkosten je Arbeitspaket zuordnen → AC · (4) Kennzahlen berechnen (3.5) · (5) Prognosen und Steuerungsmaßnahmen (3.6–3.7).

3.2 Die vier Basisgrößen: BAC, PV, EV, AC

BAC — Budget at Completion
Das genehmigte Gesamtbudget der Leistungsbasis („wie viel kostet das Projekt insgesamt, laut Plan“). Im Beispiel: 120.000 €. Die wertmäßige Verteilung des BAC über die Zeit ist die Performance Measurement Baseline.
PV — Planned Value (Planwert)
Wert der laut Baseline bis zum Stichtag geplant fertigzustellenden Arbeit, bewertet zu Plankosten. Im Beispiel Ende Monat 4: 60.000 € (halbes Projekt — die Verteilung folgt der S-Kurve, nicht dem Kalender).
EV — Earned Value (Fertigstellungswert)
Wert der tatsächlich fertiggestellten Arbeit, bewertet zu Plankosten. Ende Monat 4 im Beispiel: 50 % des BAC sind nachweislich erbracht → 50.000 €. Der EV ist die eigentliche Erfindung der Methode: Leistung wird planpreisig gemessen und damit von Einkaufspreisen und Verbrauchstempo entkoppelt.
AC — Actual Cost (Istkosten)
Die tatsächlich angefallenen Kosten für die geleistete Arbeit. Ende Monat 4 im Beispiel: 57.000 €.

Fertigstellungsgrad je Arbeitspaket — die gängigen Verfahren

0/100-Regel: Paket zählt erst mit Fertigstellung (kleine Pakete)

50/50-Regel: halber Wert bei Beginn, Rest bei Fertigstellung

Mengenanteilig: EV = BAC-Anteil × (Istmenge ÷ Planmenge), z. B. 3.200 von 8.000 Akten → 40 % des Pakets

Schätzung verbleibender Restaufwand (nur mit erfahrenen Schätzern)

Faustregel zur Objektivierung: kleine Pakete 0/100, mittlere 50/50, große mengenorientiert. Subjektive Restschätzungen sind die größte Manipulationsquelle in der EVA.

3.3 Die S-Kurve lesen

Trägt man kumulierte Werte über der Zeit ab, entsteht die typische S-Kurve: langsamer Start (Mobilisierung), steile Mitte (serielle Vollast), flacher Auslauf (Abnahme). Drei Kurven — PV als graue Planlinie, EV und AC als Ist — erzählen in einem Bild, wo das Projekt steht:

020 T€40 T€60 T€80 T€100 T€120 T€140 T€ 012345678 Projektmonat heute: Ende Monat 4 PV 60.000 EV 50.000 AC 57.000 EAC 136.800 BAC 120.000 · Plan-Endpunkt PV Planwert (Baseline) EV Fertigstellungswert (Ist-Leistung zu Planpreisen) AC Istkosten Kostenprognose EAC = BAC / CPI Ablesungen am Stichtag: EV liegt unter PV → Terminrückstand (SV < 0). AC liegt über EV → Kostenüberschreitung (CV < 0). Die Lücke EV→AC beträgt 7.000 €, die Lücke PV→EV 10.000 €. Gestrichelte Verlängerung: läuft die bisherige Effizienz (CPI 0,877) weiter, endet das Projekt bei EAC ≈ 136.800 € statt 120.000 € (BAC).
Abb. 3.1 — S-Kurve „E-Akte 2026“ zum Stichtag Ende Monat 4. Grau die Baseline (PV), rot die Ist-Leistung (EV), anthrazit die Istkosten (AC), rot gekappt gestrichelt die Earned-Value-Fortschreibung bis BAC.

Warum die Verteilung keine Gerade ist: der Monatsplan der PV

Monat12345678Σ
PV-Zuwachs (T€)61420202018148120
PV kumuliert (T€)62040608098112120

Die Verteilung folgt dem Strukturplan und dem Netzplan (Teil 2): wenig Wert im Januar (Analyse), Vollast Mitte (Migration), Auslauf mit Abnahme im August. Praktisch leitet man die Monats-PV aus den geplanten Fertigstellungen der Arbeitspakete ab — wer „linear über 8 Monate“ plant, hat meist keinen belastbaren Plan.

Typische Fehler

PV „nach Kalender“ statt nach Planleistung; EV über Fortschritt von Balken („Vorgang 80 % fertig“ ohne Messregel); AC ohne Abgrenzung (z. B. Bestellungen erfasst, Lieferungen nicht, oder umgekehrt); Stichtage von PV und AC klaffen auseinander.

Herleitung des EV aus Arbeitspaketen — vollständig gerechnet (Stichtag M4)

Der Fertigstellungswert entsteht nicht am Schreibtisch, sondern Paket für Paket. Die Tabelle zeigt die Erhebung zum 30.04.2026 — mit Messregel, geplantem Anteil (PV) und geleistetem Anteil (EV). Sie ist zugleich der Beleg für die Basiswerte des Großbeispiels (PV 60.000 / EV 50.000):

EV-Erhebung E-Akte 2026, Stichtag 30.04.2026 (Werte in T€)
Paket / PhaseBAC-AnteilMessregelFertigPV (plan)EV (ist)
Phase 1 Vorbereitung180/100 je AP (klein)100 %1818
2 · A Analyse Altakten60/100 (Abnahme Analyse)100 %66
2 · B DMS einrichten12Meilenstein-abhängig (Installationsfreigabe)100 %1212
2 · C Altdaten bereinigen8mengenanteilig (Dubletten-Quote)100 %88
2 · D Migration durchführen16mengenanteilig: 3 von 8 Chargen = 37,5 %37,5 %166
2 · E Testdaten prüfen70/100 je Testpaket0 %00
2 · F Freigabe Pilot30/100 (Abnahmeerklärung)0 %00
Phasen 3–5 (ab Mai geplant)5000
Summe1206050
Probe: PV = 18 + 6 + 12 + 8 + 16 = 60 T€ (bis Ende April war Phase 1 und die AP A–D fällig) EV = 18 + 6 + 12 + 8 + 6 = 50 T€ (D nur 37,5 % von 16 T€ = 6 T€) → SPI = 50 / 60 = 0,833 · mit AC 57 T€ → CPI 0,877 (wie in 3.5)

Der gesamte Rückstand steckt hier in einer Zeile: Von der Migration (D) waren zum Stichtag 8 Chargen à 2 T€ geplant fertig — geleistet wurden 3. Damit ist die Kennzahl bereits Ursachenanalyse: Kein diffuses „Projekt im Verzug“, sondern „Migration hinkt 5 Chargen (10 T€ Wert) hinter dem Plan“ — exakt der SV von −10.000 € aus 3.4. Genau diese Rückrechnung Kennzahl → Arbeitspaket macht EVA im Lenkungsausschuss überzeugend.

Zeitliche Einordnung: In der Monats-Baseline (3.3) sind Prüfpakete (E) und Freigabe (F) für Mai/Juni angesetzt, weil die Tests erst nach den ersten Migrationschargen sinnvoll laufen. Der 14-Wochen-Netzplan aus 2.4 zeigt die logische Verkettung der Phase (wer hängt von wem ab, wo ist Puffer) — nicht die Kalenderverteilung des Gesamtprojekts. Beide Ebenen braucht man: die Logik im Detailplan, die Wertverteilung in der Baseline.

3.4 Abweichungen: SV und CV

Schedule Variance / Cost Variance

SV = EV − PV   (Termintreue in Euro)

CV = EV − AC   (Kostentreue in Euro)

Negativ = hinter dem Plan / über Budget. Null = auf Plan. Die Einheit ist Euro, nicht Zeit: SV = −10.000 € heißt „10.000 € geplante Leistung fehlen“, nicht „x Wochen Verspätung“.

Interpretationssätze. SV < 0: Bis zum Stichtag wurde weniger geleistet als geplant — Ursache klären (Kapazität? Verfügung? Blocker beim Vorgänger?). CV < 0: Die geleistete Arbeit kostete mehr als geplant — Ursache klären (Stundenüberschreitung? Teuerere Beschaffung? Nacharbeit?). Beide zusammen zeigen die Lage im S-Kurven-Bild als Fläche zwischen den Kurven.

Großbeispiel, Monatswerte M1 bis M4 (T€)

StichtagPVEVACSV = EV−PVCV = EV−AC
Ende M1645−2−1
Ende M2201619−4−3
Ende M3403440−6−6
Ende M4 (Stichtag)605057−10−7
Ende M4: SV = 50.000 − 60.000 = −10.000 € CV = 50.000 − 57.000 = −7.000 €

Zur Story: M1 Anlauf (Schulung des Teams verzögert), M2 hängt die DMS-Einrichtung am Freigabeprozess, M3 Kompensation durch Dienstleister-Überstunden (daher AC-Sprung: Leistung gekauft), M4 Nacharbeit an der Aktenplan-Kopplung. SV wächst trotz allem — der Rückstand kumuliert.

3.5 Indizes: SPI und CPI

Schedule / Cost Performance Index

SPI = EV ÷ PV  ·  1,00 = planmäßig · <1 = im Rückstand · >1 = voraus

CPI = EV ÷ AC  ·  1,00 = kostenplanmäßig · <1 = Mehrkosten je geleisteter Einheit

Indizes sind im Gegensatz zu SV/CV größenunabhängig und damit projektübergreifend und über die Zeit vergleichbar — CPI 0,88 bedeutet: Für 1 € Wert gibt das Projekt aktuell 1,14 € aus.

Großbeispiel, alle vier Monate durchgerechnet

StichtagSPI = EV/PVCPI = EV/ACRechnung M4
Ende M14/6 = 0,6674/5 = 0,800
SPI = 50.000 / 60.000 = 0,833 CPI = 50.000 / 57.000 = 0,877
Ende M216/20 = 0,80016/19 = 0,842
Ende M334/40 = 0,85034/40 = 0,850
Ende M40,8330,877

Interpretationssätze: SPI 0,833 — „Das Projekt liefert mit 83 % der geplanten Termintreue; ohne Gegenmaßnahme wächst der Rückstand weiter.“ CPI 0,877 — „Je ausgegebenem Euro entsteht nur 88 Cent Wert; hält das an, kostet das Projekt rund 16.800 € mehr als geplant“ (siehe EAC in 3.6). Wichtig ist die Tendenz: CPI erholte sich von 0,842 auf 0,877, der SPI fiel wieder auf 0,833 — Kosten stabilisieren sich, der Termin nicht.

3.6 Prognosen: EAC, ETC, VAC

Estimate at Completion / To Complete / Variance at Completion

EAC = BAC ÷ CPI  (Standard: bisherige Kosteneffizienz hält an)

ETC = EAC − AC  ·  VAC = BAC − EAC

EAC Endkostenprognose · ETC erwarteter Restaufwand · VAC erwartete Gesamtabweichung (negativ = Mehrkosten). Weitere EAC-Varianten in 3.10.

Großbeispiel M4: Prognose in drei Schritten

EAC = BAC / CPI = 120.000 / 0,8772 = 120.000 × 57 / 50 = 136.800 € ETC = EAC − AC = 136.800 − 57.000 = 79.800 € (Restwert-Annahme: Effizienz bleibt) VAC = BAC − EAC = 120.000 − 136.800 = −16.800 € (erwartete Mehrkosten)

Interpretationssatz: „Bei unverändertem CPI liegt die Endkostenprognose 14 % über dem Budget; der Fehlbetrag von 16.800 € übersteigt meine Entscheidungsgrenze von 10 % — der Lenkungsausschuss muss entscheiden: Umfang kürzen (MoSCoW-Kandidaten), Budget erhöhen oder Qualitätsoption bewerten.“ Genau das ist der Übergang von Kennzahl zu Steuerung (Teil 6).

3.7 TCPI — der Preis der Rettung

Was ist es? Der To-Complete Performance Index sagt, welche Kosteneffizienz der Rest des Projekts bräuchte, um doch noch im Budget (oder in einer neuen Obergrenze) zu landen. Er ist die ehrlichste Zahl der EVA, weil sie Wünsche in benötigte Leistung übersetzt.

TCPI-Formeln

Auf BAC: TCPI = (BAC − EV) ÷ (BAC − AC)

Auf EAC: TCPIEAC = (BAC − EV) ÷ (EAC − AC)

Restwert ÷ Restgeld. TCPI > 1: Der Rest muss besser laufen als alles bisher. TCPI ≤ CPI: unrealistisch — bisherige Effizienz reicht nicht mal fürs Ziel.

Großbeispiel M4: Was müsste das Team jetzt leisten?

TCPI(BAC) = (120.000 − 50.000) / (120.000 − 57.000) = 70.000 / 63.000 = 1,111 Vergleich: CPI bisher = 0,877 → Sprung von 0,877 auf 1,111 (+26 %) TCPI(EAC) = 70.000 / (136.800 − 57.000) = 70.000 / 79.800 = 0,877

Interpretationssatz: „Um im BAC zu bleiben, müssten die verbleibenden 70.000 € Restwert mit nur 63.000 € Restbudget erbracht werden — Kosteneffizienz 1,111 statt bisher 0,877. Teams steigern ihre Effizienz realistisch um 5–10 %, nicht um 26 %. Anspruch: Budget halten = nicht plausibel. Alternative: EAC-Budget genehmigen — dann genügt die bisherige Effizienz (TCPI 0,877).“ Faustregel: TCPI > 1,10 gilt als Alarmschwelle; Abgleich TCPI vs. CPI zeigt Realismus.

Typische Fehler

SV/CV in Wochen umdeuten wollen (dafür gibt ES/SPI(t), siehe 3.11); Indizes einzeln ohne Trend betrachten; EAC als Zusicherung statt Bandbreite kommunizieren; TCPI ignorieren und „das Team strengt sich jetzt mehr an“ als Steuerungsmaßnahme verkaufen.

3.8 Das Großbeispiel als Monatsreport — alle Kennzahlen auf einen Blick

E-Akte 2026 · EVA-Monatswerte (Basis BAC 120.000 €)

StichtagBasisgrößen (T€)Abweichungen (T€)IndizesPrognose (T€)TCPI (BAC)
PVEVACSVCVSPICPIEACETCVAC
Ende M1645−2−10,6670,800150,0145,0−30,01,009
Ende M2201619−4−30,8000,842142,5123,5−22,51,030
Ende M3403440−6−60,8500,850141,2101,2−21,21,075
Ende M4605057−10−70,8330,877136,879,8−16,81,111

Zwei gegenläufige Bewegungen — das ist die eigentliche Lektion: Die Prognose EAC verbessert sich von 150.000 auf 136.800 € (CPI erholt sich), während TCPI steigt von 1,009 auf 1,111 — weil mit jedem Monat Restbudget verbraucht wird, wird „im Budget bleiben“ immer unwahrscheinlicher. Wer nur EAC meldet, wirkt optimistisch; wer TCPI mitmeldet, bleibt ehrlich.

3.9 Wie lese ich die Zahlen? Entscheidungshilfe mit Schwellenwerten

Schwellen sind conventions — sie müssen vorab mit dem Auftraggeber vereinbart und in die Berichtskultur geschrieben werden (Teil 6.2 RAG). Bewährtes Raster für Verwaltungs- und Mittlere-Projekte:

Ampelschwellen für SPI/CPI (Vorschlag, an Organisation anpassen)
StatusSPI und CPIBedeutungStandardhandlung
grün≥ 0,97im Toleranzbandweiterlaufen, Trend beobachten
gelb0,90 – 0,97systematische AbweichungUrsachenanalyse am Vorgang, Mikromaßnahmen im Team, im Bericht benennen
orange0,85 – 0,90 oder zweimal gelb in FolgeSteuerung greift nichtMaßnahmenplan mit Terminen, TCPI-Realismusprüfung, LA-Information
rot< 0,85 oder TCPI > 1,10Ziele gefährdetEskalation (6.3): Entscheidung Umfang/Budget/Termin, ggf. Rebaselining nur mit Beschluss

Konkret: SPI 0,83 im Projekt — die ersten fünf Handgriffe

  1. Nicht panisch beschleunigen. Erst prüfen, ob der Rückstand im kritischen Pfad liegt (Teil 2.3) — Rückstand auf gepufferten Vorgängen frisst nur Puffer.
  2. EV-Erhebung prüfen: Ist der Rückstand real oder ein Meldeartefakt (Scheineffekte 0/100-Regel, verspätete Freigaben)?
  3. Ursachen clustern: Kapazität (M1/M2-Effekt), Verfügbarkeit (Lieferung), Blocker (Freigaben), Qualität (Nacharbeit) — je Cluster wirkt eine andere Maßnahme.
  4. Neue Terminrechnung: Netzplan mit Ist-Dauern neu rechnen → realistisches Ende; mit MTA (4.4) die Meilensteine neu beauftragen.
  5. Erst danach entscheiden: Aufholen (teuer: Überstunden erhöhen AC und senken CPI weiter), Umfang kürzen (MoSCoW: Soll/Kann first), Termin verschieben, oder Kombination — als Optionen mit Zahlen in den LA (6.3).

Merksatz: Budget erschöpft oder TCPI > 1,10 ist keine Lagemeldung mehr, sondern eine Eskalation.

3.10 EAC-Varianten — vier Annahmen, vier Endkosten

EAC-Formeln nach Annahme

A · Rest läuft planmäßig: EAC = AC + (BAC − EV)

B · Kosteneffizienz hält an (Standard): EAC = BAC ÷ CPI

C · Kosten- UND Terminabweichung schlagen durch: EAC = AC + (BAC − EV) ÷ (CPI × SPI)

D · Bottom-up: EAC = AC + neuer Restaufwand (neu geschätzt)

Alle Varianten am Stichtag M4

A EAC = 57.000 + (120.000 − 50.000) = 57.000 + 70.000 = 127.000 € B EAC = 120.000 / 0,8772 = 136.800 € C EAC = 57.000 + 70.000 / (0,8772 × 0,8333) = 57.000 + 70.000 / 0,7310 = 57.000 + 95.760 = 152.760 € D Bottom-up: Restpakete neu geschätzt (Migration +5 T€, Test +6 T€, Rollout +4 T€, Rest planmäßig) ≈ 143.000 € Spannweite: 127.000 € (hoffnungsvoll) bis 152.800 € (pessimistisch) Berichtswert: Bandbreite nennen, B als Leitprognose, C als Worst Case

Wann welche: A nach einmaligem, abgestelltem Sonderereignis (z. B. Startverzug). B als Standardannahme ab ca. 20 % Fortschritt — empirisch stabil. C wenn Termin- und Kostenprobleme dieselbe Ursache haben (z. B. Nacharbeit: kostet Geld UND Zeit). D bei Strukturbrüchen (neue Erkenntnis über den Rest) oder ab 60 % Fortschritt einmal jährlich validieren.

3.11 Grenzen der EVA — ehrlich

  • EV ist nur so objektiv wie die Fertigstellungsgrade. Subjektive Restschätzungen sind die Hauptquelle schöner Zahlen; Abhilfe: Messregeln (0/100, mengenanteilig) und Stichprobenprüfungen.
  • Qualität ist unsichtbar. EV zählt auch schlecht erbrachte Arbeit. EVA ohne Abnahme- und Qualitätskennzahlen belohnt Pfusch bis zur Abnahme.
  • SPI läuft gegen 1, egal was passiert. Am Projektende ist per Definition EV = BAC = PV → SPI = 1, auch wenn der Termin um Monate gerissen wurde („falsche Erholung“). Abhilfe: Earned Schedule (ES) — Umrechnung von EV in erreichte Planzeit: ES = Zeitpunkt, an dem die PV-Kurve den aktuellen EV erreicht; SPI(t) = ES ÷ tatsächliche Zeit bleibt am Ende ehrlich unter 1.
  • Frühphase ist Rauschen. CPI/SPI im ersten Fünftel schwanken stark (kleine Nenner); erst ab ~15–20 % Fortschritt trägt die Prognose.
  • Rebaselining löscht Spuren. Jede neue Baseline setzt Abweichungen auf null — ohne Dokumentation der alten Werte verschwindet die Lernkurve. Alte Baselines archivieren.
  • Kleinprojekte: Unter ~3 Monaten oder ~20.000 € übersteigt der Erhebungsaufwand den Nutzen; dann reicht Meilensteintrend + Budgetverbrauch.
  • Öffentliche Haushalte: AC-Zuordnung über Kostenstellen/Haushaltsjahre kann Verzerrungen erzeugen (Bestellungen vs. Mittelabfluss) — Erhebungsregel mit Kämmerei abstimmen.
  • EVA erklärt nichts. Sie zeigt dass etwas abweicht; das warum liefert nur die Arbeit am Vorgang. Zahlen ersetzen keine Projektleitung.

Praxisempfehlung

EVA nie allein steuern: kombinieren mit Meilensteintrendanalyse (4.4, Termingefühl, Pufferverbrauch aus dem Netzplan (2.3) und Risiko-Triggern (5.7). Diese Viererkombination ist robust gegen jede einzelne Schwäche.

4Burndown, Velocity und Trend: Steuerung in Kurven

EVA misst wertmäßig, Burndown misst Restaufwand, Velocity misst Lieferfähigkeit, Trendanalysen messen die Richtung. Zusammen decken sie ab, was einzelne Kennzahlen übersehen: dass Projektsteuerung die Steuerung von Bewegungen ist, nicht von Momentaufnahmen.

Verläufe selbst erzeugen: → Direkt rechnen: Burndown-Demo und Meilenstein-Trend-Check

4.1 Das Burndown-Chart

Was ist es? Linienchart des verbleibenden Aufwands (Story Points, Stunden, Pakete) über der Zeit. Die Soll-Linie fällt linear zum Ziel; die Ist-Linie zeigt, wie viel wirklich übrig bleibt. Abweichungen und Schnittpunkt-Prognosen sind auf einen Blick lesbar.

Wofür? Sprint- und Release-Steuerung: Werden wir fertig? Was ist die realistische Restdauer? Wirkt eine Maßnahme? Im klassischen Umfeld analog als „Restwert-Burndown“ über Arbeitspakete nutzbar.

200 SP150100500 012345678910 Sprint-Tag (Sprint = 10 Arbeitstage, 200 SP Sprint-Backlog) Soll: 20 SP/Tag Rest: 48 SP Trend: fertig ca. Tag 12–13 Soll (ideal linear) Ist (Restaufwand, täglich erhoben)
Abb. 4.1 — Burndown Sprint 7 der „E-Akte 2026“-Schulungspakete. Die Ist-Kurve liegt ab Tag 2 durchgehend über der Soll-Linie; die Fläche zwischen den Kurven ist der aufgelaufene Rückstand.

Typische Fehler

Restaufwand „gefühlt“ statt aus Task-Status; Kurve nur samstags (vor dem Review) aktualisieren — dann steuert sie nicht; teamfremde Skala (Stunden vs. Punkte mischen).

4.2 Burndown auswerten — das Beispiel gerechnet

Sprint 7: Wird der Sprint-Plan gehalten?

Start: 200 SP · Sprintlänge: 10 Arbeitstage · Soll: 20 SP/Tag Ist-Tagesleistung (Rest-Differenzen): 12, 10, 6, 12, 10, 22, 16, 17, 25, 22 SP Durchschnitt gesamt: (200 − 48) / 10 = 15,2 SP/Tag Durchschnitt letzte 5 Tage: (150 − 48) / 5 = 20,4 SP/Tag (Maßnahme wirkt) Prognose Restdauer: 48 / 15,2 ≈ 3,2 Tage → fertig Tag 13,2 48 / 20,4 ≈ 2,4 Tage → fertig Tag 12,4 Sprint endet Tag 10 → Überhang ≈ 48 SP (Bandbreite 44–50 SP)

Entscheidung im Daily am Tag 10: 48 SP passen nicht in den Sprint. Optionen nach MoSCoW (2.6): zwei Kann-Pakete (18 SP) zurück ins Backlog, Rest (30 SP) als erste Kandidaten für Sprint 8. Was nicht geht: stillschweigend weiterarbeiten — der Sprint-Review braucht die ehrliche Zahl, sonst frisst sich der Überhang unsichtbar durch die Release-Planung.

4.3 Velocity — die Lieferfähigkeit als Bereich

Was ist es? Summe der fertiggestellten (nicht: begonnenen) Story Points je Sprint. Kerneinsicht: Velocity ist keine Zielzahl, sondern eine Messgröße mit Streuung — planen soll man mit einem Bereich, nicht mit einem Durchschnittswert.

Release-Planung mit Velocity-Bereich

Letzte 6 Sprints: 34, 40, 38, 42, 36, 40 SP Durchschnitt: (34+40+38+42+36+40) / 6 = 230 / 6 ≈ 38,3 SP Bandbreite (ohne Ausreißer): 34 bis 42 SP Release-Rest: 120 SP (DMS-Konfiguration + Rollout-Pakete) Optimistisch: 120 / 42 = 2,9 → 3 Sprints Realistisch: 120 / 38,3 = 3,1 → 3 Sprints Konservativ: 120 / 34 = 3,5 → 4 Sprints Zusage nach außen: 4 Sprints (P85), intern steuern gegen 3

Wer mit dem Durchschnitt („3 Sprints“) nach außen plant, liegt in jedem zweiten Fall daneben. Monte-Carlo-Rechnungen (7.2) machen genau diesen Schluss systematisch.

Typische Fehler

Velocity als Vorgabe („ab jetzt 45!“) — sie ist Messergebnis; Vergleich von Velocities zwischen Teams (Punkte sind teamspezifisch); Punkte nach Größe, aber Abnahme nach Stunden; neu zusammengesetzte Teams mit Altdurchschnitt planen.

4.4 Meilensteintrendanalyse (MTA)

Was ist es? Zu jedem Berichtstermin wird für jeden Meilenstein die aktuelle Prognose seines Termins eingetragen. Ergibt sich über die Berichtstermine eine Kurve je Meilenstein, zeigen Steigung und Richtung die Terminentwicklung: nach oben (= immer später) = Verschlechterung, waagerecht = stabil, nach unten = Verbesserung.

Wofür? MTA ist das deutschsprachige Gegenstück zur EVA-Terminseite: leicht verständlich, ohne wertmäßige Baseline, und im Lenkungsausschuss sofort lesbar. Sie zeigt Trends, bevor sie in Terminbrüchen enden.

Beispiel E-Akte 2026 — Prognosen zu vier Berichtsterminen

Meilenstein (Erstplan)Ende FebEnde MärEnde AprEnde MaiTrend
M1 Konzept genehmigt (KW 11)KW 11KW 12KW 13KW 13stabil verschoben +2 Wo
M2 Pilotmigration fertig (KW 22)KW 22KW 22KW 23KW 24verschlechtert sich laufend
M3 Schulung abgeschlossen (KW 29)KW 29KW 28KW 28KW 28verbessert, stabil −1 Wo
KW 10KW 15KW 20KW 25KW 30 Ende FebEnde MärEnde AprEnde Mai vertikal: jeweils aktuelle Terminprognose (Kalenderwoche) · oben = später M1 +2 Wo (stabil) M2 +2 Wo (steigend!) M3 −1 Wo (stabil) Eskalationsregel: zwei Berichte in Folge später als geplant → Thema in die Lenkungssitzung (6.3).
Abb. 4.2 — Meilensteintrendanalyse: M2 (rot) verschlechtert sich in jedem Bericht — der klassische „Wandern auf dem Kalender“. M3 profitiert von der abgeschlossenen Analysephase. Eine Quelle der Verzerrung: „mutige“ Erstprognosen, die politisch gewollt sind statt gerechnet.

Typische Fehler

Prognosen aus Hoffnung statt aus Netzplanrechnung; Meilensteine im Bericht „passend“ machen; Trend nur am aktuellen Bericht statt über die Historie lesen; MTA ohne Konsequenzregel (wann genau eskaliert wird).

4.5 Trendanalyse und Frühwarnindikatoren

Was ist es? Systematische Betrachtung, wohin sich eine Kennzahl bewegt: dreiwöchige Richtung, gleitende Mittelwerte, Konstanz von Abweichungen. Eine einmalige Abweichung ist Ereignis, drei in Folge sind System.

Beispiel: CPI-Trend lesen statt Momentwert bewerten

CPI-Verlauf: 0,800 → 0,842 → 0,850 → 0,877 Richtung: steigend (+0,077 in 3 Monaten), Streuung sinkend Lesart: Ursache (Anlaufkosten Schulung, Nacharbeit M1) wirkt nach; Maßnahmenkette M2–M3 greift. Kein Grund zur Entwarnung (CPI < 0,97), aber Grund, den eingeschlagenen Kurs zu halten — nicht zu eskalieren. Kontrast: gleicher CPI 0,877 bei Verlauf 0,950 → 0,920 → 0,890 → 0,877 wäre ein klarer Abwärtstrend: handeln, obwohl der Wert „besser“ aussieht.

Frühwarnindikatoren (Trigger) verbinden Kennzahl mit fester Folgeaktion, z. B.: „SPI < 0,90 in zwei aufeinanderfolgenden Berichten → Automatische Lagethema-Stellungnahme im LA“ oder „Pufferverbrauch > 50 % vor Meilenstein → Termin hochrechnen“ (mehr in 5.7). Ein Indikator ohne vereinbarte Folge ist Dekoration.

4.6 Burn-up: Scope-Änderungen sichtbar machen

Was ist es? Gegenstück zum Burndown: zwei aufsteigende Kurven — Gesamtaufwand (Scope) und fertiggestellter Aufwand. Der vertikale Abstand ist der offene Rest; Änderungen am Scope erscheinen als Sprünge der Scope-Linie statt als „schlechtere Leistung“.

220 SP1508010 0246810 Sprint-Tag (Sprint 7) +5 SP (CR-07 Kan-Paket) +10 SP (CR-08 Volltextsuche) fertig: 152 SP Scope gesamt (mit genehmigten CRs) fertiggestellt Offener Rest am Tag 10 = 215 − 152 = 63 SP — im Burndown (Abb. 4.1) als „48“ sichtbar, weil dort nur der Sprint-Start-Scope (200) zählt.
Abb. 4.3 — Burn-up: die zwei Sprünge sind genehmigte Change Requests (6.5). Nur so lässt sich „Team wurde langsamer“ sauber von „Scope wurde größer“ trennen.

4.7 Kumulierter Fluss (Cumulative Flow) — Flaschenhälse sehen

Was ist es? Gestapelte Flächen des Backlogs über der Zeit: erledigt (unten), in Arbeit (Mitte), offen (oben). Die Breite des mittleren Bandes ist der Work in Progress (WIP); wächst es, arbeitet das Team mehr parallel, als es abschließen kann — der klassische Flaschenhals-Indikator. Die Steigung der unteren Kurve ist die Durchsatzrate (im Gleichgewicht identisch mit der Velocity).

WIP ≈ 28 SP 090180270360 SP 012345678 Woche (Schulungsphase, Backlog konstant 360 SP) erledigt (kumuliert) in Arbeit (WIP) offen Lesart: Das mittlere Band bleibt etwa gleich breit — kein Flaschenhals. Würde es wachsen, während „erledigt“ flacher wird, staut sich Arbeit: WIP-Limit senken, Blocker beseitigen.
Abb. 4.4 — Kumulierter Fluss der Schulungsphase. Durchsatz (Steigung unten) ≈ 38 SP/Woche, konsistent mit der Velocity aus 4.3.

Typische Fehler

Zustände „in Arbeit“ ohne Statusdisziplin (Band wird zur Beliebigkeit); Diagramm ohne WIP-Grenze diskutieren; Kategorien je Sprint umbenennen (Zeitreihen brechen).

5Risikomanagement: erkennen, bewerten, einpreisen

Risikomanagement ist die Versicherung des Plans: Risiken werden identifiziert, bewertet, behandelt — und die verbleibende Unsicherheit als Reserve budgetiert. Alles mit demselben Beispielprojekt gerechnet, inklusive der Brücke in die EVA.

Eigene Risiken einstufen: → Direkt rechnen: Risiko-Bewerter

5.1 Der Prozess

  1. Identifizieren: systematisch (Workshops, Checklisten, Lessons Learned, Brainstorming mit Fachbereich und Dienstleister) — das Register lebt vom Zulauf, nicht vom Jahresupdate.
  2. Analysieren: Ursache → Ereignis → Wirkung formulieren; Eintrittswahrscheinlichkeit und Auswirkung schätzen (qualitativ 1–5, bei großen Risiken quantitativ als Erwartungswert).
  3. Bewerten: Score bilden, priorisieren, mit Risikotoleranz der Organisation abgleichen (was darf der PM allein verantworten?).
  4. Behandeln: Strategie je Risiko festlegen (5.5) — mit Maßnahme, Verantwortlichem, Frist und Kosten der Maßnahme.
  5. Überwachen: Status im Report, Frühwarnindikatoren (5.7), eingetretene Risiken werden Issues (Problemmanagement).

Der Prozess läuft zyklisch, nicht einmalig: Jede Planänderung (Change Requests, neue Erkenntnisse) erzeugt neue Risiken.

5.2 Das Risikoregister

Risikoregister „E-Akte 2026“ — Auszug mit den sechs Kernrisiken
IDRisiko (Ursache → Ereignis → Wirkung)WAScoreStrategieMaßnahme / AuslöserOwner
R1Fachbereich ausgelastet → Key-User fallen aus → Migration verzögert4312vermindernVertreter einarbeiten (ab Feb, 4 PT); Auslöser: Abwesenheitsplanung > 5 TagePL
R2Schwankende Aktenlagen → Mappings fehlerhaft → Nacharbeit Datenkorrektur2510vermindernProbe-Migration 300 Akten vor D; Fehlerquote-Messregel 0,5 %Dienstleister
R3Sensible Daten → Datenschutzverstoß → Untersagung, Reputationsschaden155vermeidenDSB ab Kick-off im Team; Vermeidung: keine Scan-Cloud, lokaler ScannerIT-Leitung
R4Lieferengpass → Scanner-Hardware spät → Scanvolumen fällt zurück339übertragenVertragsstrafe + Ersatzlieferant benannt; Zwischenlager 2 GeräteVergabestelle
R5Mitbestimmung überhört → Betriebsrat blockiert → Rollout-Stopp428vermindernBetriebsrat ab Konzeptphase beteiligen (Quadrant „eng steuern“, 1.4)PL
R6Urlaubssaison → Testkapazität fehlt → Freigabe E verzögert248akzeptierenPuffer 3 Wo im Netzplan (2.4) reicht; beobachten, keine MaßnahmePL

Aufbau-Regeln: Risiko als Wirkungskette formulieren (nicht „Termingefährdung“, sondern Ursache→Ereignis→Wirkung); ein Owner je Risiko — namentlich, kein Gremium; Status je Report (offen / Maßnahmen wirken / eingetreten / geschlossen).

5.3 Score-Berechnung und Skalen

Risikoscore

Score = W × A   (Wahrscheinlichkeitsstufe × Auswirkungsstufe, je 1–5)

Klassen: 1–4 gering · 5–9 mittel · 10–15 hoch · 16–25 kritisch

Quantitativ: Erwartungswert EMV = Eintrittswahrscheinlichkeit × Schadenshöhe (für Reserven, 5.6). Ohne schriftliche Skalendefinition bewertet jeder anders — die Skala gehört ins Register.

Skalendefinition (an Organisation kalibrieren)
StufeWahrscheinlichkeit WAuswirkung A (Schaden)
1sehr gering (< 10 %)< 2.000 € / geringe Unannehmlichkeit
2gering (10–30 %)2.000–10.000 € / Teilziel verrutscht
3mittel (30–50 %)10.000–30.000 € / Meilenstein gefährdet
4hoch (50–70 %)30.000–60.000 € / Projektziel gefährdet
5sehr hoch (> 70 %)> 60.000 € / Projekt scheitert oder rechtliche Folge

5.4 Die 5×5-Matrix (Heatmap)

510152025 48121620 3691215 246810 12345 1 2 3 4 5 6 R1R2 R3R4 R5R6 5 · hoch43 · mittel21 · gering Eintrittswahrscheinlichkeit 1 · gering23 · mittel45 · schwer Auswirkung 1–4 gering: akzeptieren/beobachten 5–9 mittel: mindern, Owner beauftragt 10–15 hoch: aktiv steuern, LA informiert 16–25 kritisch: sofortige LA-Entscheidung
Abb. 5.1 — Risikomatrix mit den sechs Risiken aus dem Register (R1 bis R6). Die Zahl in jedem Feld ist der Score W×A als zweite Leseebene neben der Farbe.

Typische Fehler

Alles landet „mittig“ (W3/A3) — Folge fehlender Skalendefinition; Matrix ohne Konsequenzregel (wer schaut bei Score 12 hin?); eingetretene Risiken bleiben im Register statt Issue-Management; keine Neu-Bewertung nach Maßnahmen (Restrisiko eintragen!).

5.5 Behandlungsstrategien mit Beispielen

StrategiePrinzipBeispiel E-Akte 2026Wirkung auf Score
VermeidenUrsache beseitigen, Plan ändernR3: keine Cloud-Scan-Dienste für Personaldaten — lokal scannen (Aufwand +, Risiko weg)W oder A auf 1, Risiko ggf. geschlossen
VermindernW oder A senken (Maßnahmen vor Eintritt)R1: Key-User-Vertreter (W 4→2); R2: Probe-Migration (A 5→3)Score z. B. 12 → 6
ÜbertragenRisikoträger wechselt (Versicherung, Vertrag, Garantie)R4: Vertragsstrafen + Ersatzlieferant; keine Risikoteilung mit Billig-AnbieterA wird für uns kalkulierbar (Pauschale)
Akzeptierenbewusst hinnehmen, beobachten, Reserve haltenR6: Urlaubsrisiko mit 3 Wochen Puffer im Netzplan abgedecktScore bleibt, Ersatzmittel bereitstellen
Eskalierenaußerhalb eigener Befugnis → höhere Ebene(Risikofall) Finanzierungslücke > 10 % BAC → Beschluss GeschäftsleitungEntscheidung verlagert, Zeitdruck dokumentieren

Für Chancen gelten die Spiegelstrategien: ausnutzen, teilen, verbessern (Aufwand erhöhen, um Chance zu vergrößern), akzeptieren (6. Abschnitt Glossar: Reaktionsstrategien).

5.6 Reserven: Risiken in der EVA unterbringen

Known Unknowns — identifizierte, bewertete Risiken. Sie werden als Risikoreserve (Contingency Reserve) in die Kostenbasis (BAC) eingerechnet und vom PM auf Freigabe des LA verwaltet. Unknown Unknowns — unbenennbare Überraschungen. Sie stehen als Managementreserve über dem BAC und werden nur von der Geschäftsleitung freigegeben.

Reserven rechnen: Erwartungswerte und Gesamtbudget

EMV je Risiko = Eintrittswahrscheinlichkeit × Schadenshöhe R1 Key-User-Ausfall: 0,6 × 25.000 € = 15.000 € R2 Mappings fehlerhaft: 0,2 × 30.000 € = 6.000 € R3 Datenschutz: 0,05 × 40.000 € = 2.000 € (R4 trägt vertraglich der Lieferant, R5/R6 wirken terminlich) Risikoreserve (Known Unknowns) = 15.000 + 6.000 + 2.000 = 23.000 € Kostenbasis BAC = 97.000 € Leistung + 23.000 € Risikoreserve = 120.000 € Managementreserve (Unknown Unknowns) = 8 % × 120.000 € = 9.600 € Gesamtbudget = 120.000 + 9.600 = 129.600 €

Diese Zahlen sind durchgängig: Die Charta (1.2) nennt die 120.000 € „inkl. 23.000 € Risikoreserve“. Faustgrößen Managementreserve: 5 % bei routinehaften, 8–12 % bei innovativen Vorhaben im öffentlichen Sektor; PERT-gestützte Alternative: Reserve ≈ 1,5 × σProjekt × Kostenrate (2.7).

Reserven in der EVA: Reserven zählen nicht zum EV (kein „Fortschritt“), ihr Verbrauch wird separat ausgewiesen. Tritt ein Risiko ein (z. B. R2 Nacharbeit 9.000 €), fließt die Leistung in EV/AC, die Reserve wird frei — der LA sieht beides getrennt. Wichtig für 3.10: EAC sollte unter Reserve-Vorbehalt kommuniziert werden („136.800 €, darin enthalten 8.000 € aus Risikoreserve“).

5.7 Überwachen: Frühwarnindikatoren mit Folgeaktion

IndikatorSchwellwertFolgeaktion (fest vereinbart)
Burndown-Abweichung> 15 % über Soll, 3 TageRe-Planung im Daily, Scope-Gespräch Product Owner
SPI< 0,90 zwei BerichteLagethema in LA, Maßnahmenplan (3.9)
Pufferverbrauch Netzplan> 50 % vor MeilensteinTermin hochrechnen, MTA aktualisieren (4.4)
Fehlerrate Probe-Migration (R2)> 0,5 %D startet nicht; Mapping-Workshop vor Freigabe
Risikoreserve> 60 % verbrauchtEskalation: verbleibende Risiken neu bewerten

Typische Fehler

Trigger ohne vereinbarte Folge (Dekoration); Schwellen zu eng (Daueralarm → Abstumpfung) oder zu weit (Meldepflicht erst nach dem Schaden); Indikatoren ohne Datenquelle.

5.8 Chancen sehen — der andere Blick

Risikomanagement im PMBOK ist zweiseitig: Bedrohungen verringern, Chancen nutzen. Beispiel: Die Probe-Migration (R2-Maßnahme) erzeugt als Nebeneffekt belastbare Kennzahlen für das Angebot des Rollouts in zwei weitere Ämter — Chance „Preisvorteil Folgebertrag“ (W 3, Nutzen 15.000 €, EMV 4.500 €). Chancen gehören ins selbe Register, sonst optimiert das Controlling nur nach unten.

6Reporting und Steuerung: Berichten, eskalieren, ändern

Kennzahlen wirken nur, wenn sie in einem geordneten Berichtswesen landen, Eskalationsregeln vorab vereinbart sind und Änderungen kontrolliert fließen. Dieser Teil liefert Muster und Schwellen — alles wieder am Beispiel Monat 4 gerechnet.

6.1 Der Statusbericht — Muster (eine Seite, RAG)

Statusbericht E-Akte 2026 · Bericht Nr. 04 · Stichtag 30.04.2026

BereichAmpelBegründung (je 1 Satz, mit Zahl)Maßnahme bis wann
TerminerotSPI 0,83; MS „Pilotmigration“ rutscht laut MTA auf KW 24 (+2 Wochen), kritischer Pfad A→D ohne PufferNetzplan-Neurechnung 06.05., LA-Optionen 08.05.
BudgetgelbCPI 0,88 (erholend), EAC 136.800 €; TCPI 1,111 — Budgeteinhaltung unwahrscheinlichBottom-up-Neuschätzung Rest bis 12.05.
UmfanggelbCR-08 genehmigt (+4.000 €), seit M4 Change-Freeze bis CPI ≥ 0,90Freeze prüfen im Bericht 05
RisikenorangeR1 Score 12 (Vertreter eingearbeitet, Restrisiko 6); R2 Probe-Migration bestanden (0,3 % Fehler)R2 schließen im Bericht 05
Kennzahlen (Stichtag)PV 60,0 T€EV 50,0 T€AC 57,0 T€SPI 0,83CPI 0,88EAC 136,8 T€TCPI 1,11
Vormonat zum Vergleich40,034,040,00,850,85141,21,08

Entscheidungsbedarfe: (1) Optionen Termin (verschieben MS2 auf KW 24) vs. Umfang (Soll-Pakete prüfen) — Beschluss 08.05. · (2) Freigabe 8.000 € aus Risikoreserve für Nacharbeit Aktenplan-Kopplung (R2-Folge).

Nächste Schritte: Restschätzung Migration (D) verifizieren · Schulungsplan M3 finalisieren · Probeergebnis R2 dokumentieren.

Aufbau-Regeln: Eine Seite · Ampel mit einem Satz Begründung inkl. Zahl (eine Ampel ohne Begründung ist Dekoration, eine Ampel mit Roman liest niemand) · Vorher-nachher-Vergleich · klare Entscheidungsanträge mit Termin (nicht „wird geprüft“, sondern „Beschluss erbeten am …“).

Formulierungshilfen: schwache Aussagen erkennen, starke schreiben
Schwach (unschuldig, unpräzise)Stark (zahlengestützt, entscheidungsreif)
„Das Projekt macht Fortschritte.“„EV 50.000 € von geplanten 60.000 € — Rückstand konzentriert auf Migration (D), 3 von 8 Chargen.“
„Es gab Verzögerungen bei der Technik.“„D liegt 5 Chargen (10 T€) zurück; Ursache: Freigabeschleife DMS-Rechte, seit 12.04. bei IT-Leitung.“
„Wir dran, das Budget im Blick zu behalten.“„CPI 0,877 stabil seit zwei Berichten; EAC-Bandbreite 127–153 T€, Leitzahl 136,8 T€ (VAC −16,8 T€).“
„Risiken werden beobachtet.“„R1 Score von 12 auf 6 gesenkt (Vertreter einsatzbereit); R2 eingetreten, 8 T€ aus Reserve, Restrisiko 4.“
„Über den Termin wird noch gesprochen.“„Beschluss erbeten am 08.05.: Option A Termin +2 Wochen (Kosten neutral) oder Option B Soll-Paket Volltextsuche streichen (Termin hält, Nutzen −).“
„Das Team gibt wieder Vollgas.“„Maßnahmen: 1. Freigabeschleife verkürzt (Stufe 2 statt 3), 2. 4 PT Dienstleister für Charge 4–5 — Wirkung prüfbar im Bericht 05 (SPI ≥ 0,85 erwartet).“

Regel dahinter: Jede Aussage muss eine Zahl, einen Namen oder ein Datum enthalten — sonst ist sie Stimmung. Und jede Maßnahme braucht ein Wiedervorlage-Datum, sonst ist sie ein Wunsch.

6.2 RAG sauber definieren

Rot/Gelb/Grün ist ein Vertrag, kein Stimmungsbild: Jedem Bereich gehören vorab vereinbarte Schwellen (die EVA-Schwellen aus 3.9; Risiken aus 5.3). Zwei Regeln bewähren sich: (1) Ampeln dürfen erst mit Antrag heruntergestuft werden, nicht still leise von rot auf gelb; (2) „Rot“ auszusprechen ist Leistung der Projektleitung, nicht Versagen — wer rot meldet, bekommt Kapazität, wer grün malt, bekommt Nachprüfungen.

6.3 Eskalationsregeln — Schwellen und Wege

Eskalationsleiter „E-Akte 2026“ (in der Charta vereinbart)
StufeWann (Beispiel-Schwellen)AdressatFrist
0 · ProjektSPI und CPI ≥ 0,97 · Budget ±5 % · Termin ±5 Tage · Risiko < 10PL steuert im Team
1 · LenkungsausschussSPI oder CPI < 0,90 · zwei gelbe Berichte in Folge · Termin > 10 Tage · Risiko ≥ 10 · einzelner CR > 5.000 €LA-Vorsitz (Sitzung oder Umlauf)5 Arbeitstage
2 · GeschäftsleitungBudgetüberschreitung > 10 % · Zieltermin des Projekts gefährdet · Risiko ≥ 16 · Mittelabruf über Gesamtbudget hinausErster Beigeordneter + Kämmerer10 Arbeitstage
3 · Gremium/PolitikProjektabbruch oder Beschluss-Umfang des Vorhabens berührt (Gemeinderat)Gemeinderatnach GeschO

Merksätze

Budget erschöpft (oder TCPI > 1,10) ist keine Lagemeldung, sondern automatisch Stufe 1. Eine Eskalation enthält immer: Sachverhalt, Auswirkung auf Ziele, 2–3 Optionen mit Zahlen, Empfehlung, Entscheidung bis wann. Wer nur Probleme meldet, gibt die Steuerung ab; wer Optionen meldet, behält sie.

6.4 Entscheidungslog

Jede weitreichende Entscheidung mit Datum, Gremium, Begründung und Wirkung — ein Zehnzeiler pro Monat, der bei Personalwechsel oder Prüfung den Projektverlauf erklärt. Der Log ist die Schwester der Baseline: Er erklärt, warum der Plan heute so aussieht.

DatumIDEntscheidungGremiumBasis / GrundWirkung
31.01.E-12Baseline freigegeben (120.000 €, 8 Monate)LACharta + Strukturplan + NetzplanPlanung verbindlich
28.02.E-15CR-08 Volltextsuche genehmigt (+4.000 €, +10 SP)LACPI 0,84, Terminpuffer > 6 WochenBAC +4.000 € → Scope wächst
30.04.E-21Change-Freeze ab sofortLACPI 0,88, TCPI 1,111 > 1,10 (3.9)Keine neuen CRs bis CPI ≥ 0,90
30.04.E-228.000 € aus Risikoreserve für NacharbeitLAR2 eingetreten (0,3 % < Schwelle, Restnacharbeit)Reserve 23.000 → 15.000 €

Typische Fehler

Entscheidungen nur im Protokoll (nicht auffindbar); ohne Zahlenbasis; „mündlich genehmigt“; Log führt die Vergangenheit, aber niemand prüft ihn bei Planänderungen.

6.5 Change Management — der geregelte Fluss

Was ist es? Jede Anforderungsänderung läuft als Change Request (CR) durch denselben Fluss: Antrag → Vollständigkeitsprüfung → Bewertung (Kosten, Termin, Risiko, Nutzen) → Entscheidung durch die befugte Stelle → Anpassung von Baseline und Plänen oder dokumentierte Ablehnung. Das ist der einzige legitime Weg, den Umfang zu ändern — alles andere ist Scope Creep.

1 · CR stellenFachbereich / Team / LA 2 · vollständig?PL prüft Antrag & Begründung 3 · bewertenKosten · Termin · Risiko · Nutzen(PM + Fachbereich, max. 5 Tage) 4 · EntscheidungPL < 5 T€ · LA < 5 % BAC · GL darüber 5a · genehmigtBaseline anpassen · umsetzenNachverfolgung im Report 5b · abgelehntBegründung dokumentierenInitiator informieren, ggf. Backlog Ergänzungenantrag an Initiator zurück ja nein: zurück genehmigt abgelehnt
Abb. 6.1 — Change-Request-Fluss mit Bewertungsstufe und getrennten Ausgängen. Die Entscheidungskompetenz staffelt sich nach Volumen (hier: PL bis 5.000 €, LA bis 5 % BAC, darüber Geschäftsleitung).

Durchgerechnet: CR-11 „Barcode-Etiketten für Altkarten“ (gestellt 28.04.)

Aufwand: 5 PT × 480 €/PT = 2.400 € Termin: liegt auf gepuffertem Weg (E) → +0 Tage Projektende Risiko: gering (Score 4, kein Eintrag) Nutzen: Arbeitserleichterung Registro, kein Zielbezug Bewertung am 30.04.: budgetär tragbar (2.400 € < PL-Grenze 5.000 €) ABER: Projekt-Kontext — CPI 0,88, TCPI 1,111 > 1,10, Change-Freeze E-21 Entscheidung LA (E-23, 08.05.): abgelehnt für Phase 2, zurückgestellt ins Backlog Phase 4 mit Auflage: „neu bewerten, wenn CPI ≥ 0,90 zwei Berichte in Folge“

Die Lehrstunde: Change-Entscheidungen sind Einzelfall und Kontext. Dieselbe Anfrage wäre im Februar (Puffer 6 Wochen, CPI 0,84 aber TCPI 1,03) genehmigt worden — deshalb müssen Entscheidungslog (6.4) und Kennzahlenlage zusammen gelesen werden.

6.6 Berichtswesen: Rhythmus und Zielgruppen

BerichtRhythmusZielgruppeInhalt
Daily / Stand-uptäglich 15 minTeamBlocker, Tagesziel, Burndown-Abweichung (4.1)
Statusberichtmonatlich, StichtagLA, PMORAG + EVA-Kennzahlen + Entscheidungsbedarfe (6.1)
KennzahlenblattquartalsweiseKämmerer/ControllingBudgetvergleich, Mittelabfluss vs. AC, Prognose EAC
Ausnahmeberichtbei Trigger (5.7)LA-VorsitzSachverhalt, Optionen, Empfehlung, Frist — sofort, nicht zum Monatsende

Typische Fehler

Berichte ohne Stichtagsdisziplin (Zahlen aus verschiedenen Tagen); Bericht als Rechtfertigungschreiben; dieselbe Fassung für Team und LA (unterschiedliche Entscheidungsfragen!); Ausnahmeberichte, die auf die nächste Sitzung warten.

7Agil und hybrid: Sprints steuern, Grenzen setzen

Agile Verfahren steuern nicht über eine vorab gebaute Baseline, sondern über kurze Lieferzyklen und empirische Messgrößen. Dieser Teil erklärt Scrum-Kern, Forecasting als Bandbreite (Monte-Carlo-Idee) und wie hybride Projekte beides verbinden.

7.1 Scrum in zehn Sätzen (Basics fürs Controlling)

Rollen: Product Owner (vertritt Nutzen und Priorisierung, eindeutig eine Person), Scrum Master (Prozess und Hindernisse), Entwicklungsteam (5–9 Personen, selbstorganisiert). Events: Sprint (2–4 Wochen Zeitbox, Ergebnis ist potenziell lieferbar), Daily (15 min), Sprint Planning, Review (Ergebnis), Retrospektive (Prozess). Artefakte: Product Backlog (geordnete Anforderungen), Sprint Backlog (Verpflichtung des Sprints), Increment (Ergebnis, gemessen an der Definition of Done).

Controlling-Anschluss: Velocity (4.3) ist die Messgröße, Burndown/Burn-up (4.1/4.6) die Kurve, die Sprint-Review der Abnahmeäquivalent, die Retrospektive das Lessons-Learned am Laufband. Ein Scrum-Team braucht keine EVA — ein Programm mit Scrum-Inseln schon (7.5).

7.2 Velocity-Forecasting als Bereich — Monte-Carlo-Grundidee

Das Problem: „Wann sind die 120 Rest-Punkte fertig?“ ist keine Frage mit einer Zahl als Antwort. Jede Zukunftsrechnung aus Velocity streut — wenn man die Streuung ignoriert, plant man mit dem Glücksfall.

Die Idee Monte-Carlo: Statt einmal mit dem Durchschnitt zu rechnen, zieht man tausendmal zufällig aus den historischen Sprint-Ergebnissen (mit Zurücklegen), summiert je Lauf, bis die Restmenge erreicht ist, und liest die Verteilung ab: „In 52 % der Läufe reichten 3 Sprints, in 87 % 4 Sprints.“ Daraus werden Bandbreiten-Angaben (P50 realistisch, P85 zusagbar) statt Festterminen.

010203040 SP 344038423640 Sprint 234567 Ø 38,3 SP Bandbreite (34–42 SP) als graue Fläche — Planen mit dem Band, nicht mit dem Strich
Abb. 7.1 — Velocity der Sprints 2 bis 7. Der Balken nie über 42, nie unter 34: genau diese Verteilung speist die Monte-Carlo-Rechnung.

Forecast 120 Rest-SP — drei Rechenweisen vergleichen

1 · Naiv (letzter Sprint): 120 / 40 = 3,0 Sprints (Annahme: bester Fall hält) 2 · Durchschnitt: 120 / 38,3 = 3,1 Sprints (wirkt präzise, ist aber P50) 3 · Monte-Carlo (1.000 Läufe aus {34,40,38,42,36,40}): 3 Sprints reichten in 52 % der Läufe 4 Sprints reichten in 87 % der Läufe (P85) 5 Sprints in 98 % (P98, Worst Case) Terminzusage nach außen: 4 Sprints (P85) — mit Datum ≈ 8 Wochen Interne Steuergröße: 3 Sprints als Ziel, Review-Check je Sprint

Merkregel: P50 zum Steuern, P85 zum Zusagen. Wer mit P50 nach außen zusagt, verspricht eine Münzwurf-Chance — und verliert sie in jedem zweiten Projekt.

7.3 Hybride Modelle

Was ist es? Kombination prädiktiver und agiler Anteile in einem Governance-Rahmen: klassisch für Budget, Verträge, Meilensteine, Schnittstellen; agil für Entwicklung und Anforderungen. Kein „Anything goes“, sondern bewusste Zuordnung pro Arbeitspaket.

Beispiel E-Akte 2026: Rahmen prädiktiv (Baseline 120.000 €, Netzplan Phase 2, LA-Reporting nach Teil 6). Innen agil: Die Trainingspakete (Phase 3) werden in Sprints mit Burndown (4.1) entwickelt; das DMS-Mapping iteriert in Probezyklen (R2). Die Brücke: Sprint-Ergebnisse zählen als Fertigstellung in der EVA (7.5), der Release-Termin MS3 ist der Fixpunkt.

Kriteriumprädiktiv (Wasserfall-artig)agil (Scrum-artig)hybrid
Anforderungenstabil, vertraglich fixiertentstehen, ändern sichKern fix, Umfeld iterativ
Abnahmeam Ende, gegen Spezifikationje Increment (Review)beides, je Paket
Budgetierungüber Baseline/BACüber Team-Kapazität (fixe Kosten je Sprint)Baseline je Phase, Sprint-Kapazität innen
SteuergrößeSPI/CPI, NetzplanVelocity, Burndownbeides, konsolidiert (7.5)

7.4 Wann was? Entscheidungshilfe

  1. Anforderungsstabilität: hoch und reguliert (Zahlungsverkehr, Bau) → prädiktiv. Niedrig, lernend (Usability, neue Services) → agil.
  2. Kosten der Fehlerfrüherkennung: teuer bei Spätentdeckung → agile Kurven (Review je Sprint). Gering, reversibel → prädiktiv.
  3. Vertrags- und Vergaberahmen: öffentliche Vergabe nach LVergabGG/EVB-IT erzwingt oft deterministische Leistungsbeschreibung → außen prädiktiv, innen iterativ mit Dienstleistern.
  4. Lieferfähigkeit: Nutzen entsteht erst komplett (Architekturanpassung) → Wasserfall; Nutzen stückweise (Portalanwendung) → agil.
  5. Teamreife: Scrum ohne Scrum Master/PO-Rollen ist Theater; dann besser klassisch klein steuern.

7.5 Agile Zahlen ins klassische Reporting überführen

Brücke Burndown ↔ EVA am Beispiel

Sprint-Backlog Phase 3 (Schulung): 6 Sprints × 38 SP Ø = 228 SP ≙ 20.000 € Paketbudget → Planwert je SP ≈ 20.000 / 228 ≈ 88 €/SP Sprint 7 abgeschlossen: 152 SP fertig (Abb. 4.3) → EV = 152 × 88 € ≈ 13.400 € → AC = Iststunden × Satzkostensatz = 15.100 € (Zeiterfassung) Damit fließt die agile Insel in EVA des Gesamtprojekts: CPI(Insel) = 13.400 / 15.100 = 0,89 — passt zur Projektlinie (0,88)

Regeln für die Brücke: (1) Definition of Done = EV-Anerkennung — was nicht DoD-reif ist, zählt nicht; (2) SP-zu-€-Umrechnung je Paket festlegen und einfrieren; (3) Sprint-Zeitboxen als Vorgänge im Netzplan führen (Zeitbox bricht nicht den kritischen Pfad); (4) Velocity-Änderungen sind Frühwarnindikator für CPI-Drift (Trigger 5.7).

Typische Fehler

„Agil“ als Ausrede für Planlosigkeit nach außen; Velocity über Teams vergleichen; hybride Doppelstruktur (Wasserfalldokumentation PLUS volle Scrum-Zeremonien ohne Kürzung); SP-preise dynamisch umrechnen, bis jede Kennzahl beliebig wird.

AAnhang: Formeln, Checklisten, Schwellen, Quellenzuordnung

Der Anhang bündelt, was im Projektalltag schnell gebraucht wird: alle Formeln auf einer Seite, Checklisten als abhakbare Listen, die Schwellen- und Eskalationslogik im Kompendium und die Zuordnung der Kapitel zu PMBOK Guide 8. Edition und PRINCE2.

A.1 Formelsammlung auf einen Blick

Alle Rechenformeln dieses Werks (Verweis auf das Kapitel mit vollständiger Herleitung und Beispiel)
BereichGrößeFormelKapitel
NetzplanFrühester Start / EndeES = max(EF aller Vorgänger) · EF = ES + D2.3, 2.4
Spätester Start / EndeLF = min(LS aller Nachfolger) · LS = LF − D2.3, 2.4
GesamtpufferGP = LS − ES = LF − EF2.4
Projektdauermax(EF) über alle Endvorgänge2.4
Kritischer PfadWeg über alle Vorgänge mit GP = 02.4
SchätzungPERT-ErwartungswertE = (O + 4·M + P) ÷ 62.7
PERT-Streuungσ = (P − O) ÷ 62.7
Projekt-StreuungσProjekt = √(σ1² + σ2² + …) über den kritischen Pfad2.7
Earned ValueTermintreueSV = EV − PV · SPI = EV ÷ PV3.4, 3.5
KostentreueCV = EV − AC · CPI = EV ÷ AC3.4, 3.5
EAC, Rest planmäßigEAC = AC + (BAC − EV)3.10 A
EAC, StandardEAC = BAC ÷ CPI3.6, 3.10 B
EAC, beides schlägt durchEAC = AC + (BAC − EV) ÷ (CPI × SPI)3.10 C
EAC, Bottom-upEAC = AC + neu geschätzter Restaufwand3.10 D
RestaufwandETC = EAC − AC3.6
EndabweichungVAC = BAC − EAC3.6
ResteffizienzTCPI = (BAC − EV) ÷ (BAC − AC)3.7
Risiko & BudgetRisikoscoreScore = W × A (je 1–5)5.3
ErwartungswertEMV = Wahrscheinlichkeit × Schadenshöhe5.6
BudgetaufbauGesamtbudget = Leistung + Risikoreserve (im BAC) + Managementreserve (über BAC)5.6
Agile ForecastRestdauer aus BurndownTage = Rest ÷ Ø-Tagesleistung4.2
Termin aus VelocitySprints = Restmenge ÷ Velocity (P50 steuern, P85 zusagen)4.3, 7.2

Nachrechnen mit eigenen Zahlen: EVA-Rechner

A.2 Checklisten (im Browser abhakbar — ohne Speicherung)

Projektstart (vor Kick-off)

Monatlicher Controlling-Zyklus

Change Request — Prüffragen vor der Entscheidung (6.5)

Projektabschluss (8. Glossar: Projektabschluss)

A.3 Schwellen und Eskalation als Kompendium

Kennzahl / Ereignisgelb aborange abrot ab / Eskalation Stufe 1Kapitel
SPI0,970,900,853.9
CPI0,970,900,853.9
TCPI1,001,051,103.7
VAC (erwartete Mehrkosten)2 %5 %10 %3.6, 6.3
Risikoscore510165.3
Burndown-Abweichung10 %15 % (3 Tage)25 %4.1, 5.7
Meilenstein-Verschlechterung+1 Woche+2 Wochen2 Berichte in Folge schlechter4.4
Pufferverbrauch30 %50 %75 %2.3, 5.7
Risikoreserve verbraucht40 %60 %80 %5.7

Diese Tabelle ist der Kompaktvorschlag dieses Werks; verbindlich sind nur die mit dem Auftraggeber vereinbarten Schwellen (6.2). Ändern sich Schwellen, ändern sich Ampeln rückwirkend nicht — Historie im Entscheidungslog sichern.

A.4 Zuordnung: Kapitel dieses Werks zu PMBOK Guide 8. Edition und PRINCE2

Kapitel hierPMBOK Guide 8. EditionPRINCE2
1 GrundlagenEinleitung, Wertschöpfungssystem, Performance Domain Governance/StakeholderOrganization (Rollen), Starting up a Project
2 PlanungScope Domain (PSP), Schedule Domain (CPM), SchätztechnikenPlans, Following the plan
3 EVAFinance Domain, LeistungsmessungProgress (Kosten- und Zeitkontrolle)
4 Burndown & TrendSchedule Domain, adaptive TechnikenProgress (MTA als deutsche Praxis)
5 RisikoRisk Domain, quantitative AnalyseRisk, Change (Budget-Reserven)
6 Reporting & SteuernGovernance Domain, Focus Area Überwachung und SteuerungDirecting, Controlling a Stage, Ausnahmeprinzip
7 Agil & hybridEntwicklungsansätze, TailoringTailoring auf agile Umgebungen
8 Glossargesamter Guide, mit Quellenangabe je EintragBegriffe aus allen Themenbereichen

Diese Zuordnung ist Orientierung, keine Eins-zu-eins-Abbildung; der PMBOK Guide ist ein Standard („was“), PRINCE2 eine Methode („wie“) — beide ergänzen sich (Glossar: PRINCE2 und PMBOK).

A.5 Der Monatsdurchlauf in 20 Minuten

Diese Routine ist die Kürzung des ganzen Werks auf einen wiederholbaren Arbeitsablauf — Wertermittlung, Kennzahlen, Trend, Bericht. Die Zahlen stammen aus dem Großbeispiel (M4), die Minuten sind Erfahrungswerte aus Mittelprojekten.

Min.SchrittWerkzeug / FormelErgebnis am Beispiel
0–5Stichtag setzen, Fertigstellungsgrade je Arbeitspaket nach Messregel einholen (nicht schätzen lassen — messen)Tabelle wie 3.2a (EV-Erhebung)EV 50.000 €; D = 3/8 Chargen
5–8Istkosten je Paket zuordnen, Belegung gegen Kostenstellen prüfenAC-Erhebung, Abgrenzungsregel (3.2)AC 57.000 €
8–10PV der Baseline zum Stichtag ablesenS-Kurven-Tabelle (3.3)PV 60.000 €
10–12Kennzahlen berechnenEVA-Rechner (Werkzeug 1); Formeln A.1SPI 0,83 · CPI 0,88 · EAC 136.800 · TCPI 1,11
12–14Trend gegen Vormonat lesen: Richtung, Konstanz, Cluster (welches Paket treibt?)4.5; Monatsvergleichstabelle 3.8CPI erholt sich, SPI fällt — Treiber: D
14–16Terminseite: MTA fortschreiben, Pufferverbrauch ausweisenWerkzeug 4; 4.4M2 +2 Wochen, zweite Verschlechterung → LA-Thema
16–18Risiken: Status, Trigger, Reserve-Stand5.7-Tabelle; Werkzeug 2 bei Neu-BewertungenR2 eingetreten, 8 T€ Reserve, Restscore 4
18–20Bericht schreiben: 4 Ampeln je 1 Satz mit Zahl, Entscheidungsanträge mit Termin — Aussagen nach der Tabelle in 6.1Muster 6.1; FormulierungshilfenBericht Nr. 04 (Muster in 6.1 ist genau dieses Ergebnis)

Was diese Routine nicht ersetzt: das Ursachengespräch am Arbeitspaket (EVA zeigt dass, nicht warum) und die Viertelstunde, in der man sich überlegt, welche Entscheidung man eigentlich braucht, bevor man Zahlen verschickt.

A.6 Zwölf Fragen aus der Praxis

1 · SPI ist schlecht, CPI gut — woran zuerst arbeiten?
Terminproblem mit intakter Kosteneffizienz: zuerst Kapazität und Blocker prüfen (häufigster Fall: Warten auf Freigaben oder Vorgänger). Kostenmaßnahmen bringen hier nichts — Zeit zulegen durch Überstunden würde sogar den CPI beschädigen. Reihenfolge: Ursachencluster (3.9) → Netzplan neu rechnen → Entscheidung Optionen Termin/Umfang. (2.4, 3.9)
2 · CPI ist schlecht, SPI gut — kann das sein?
Ja: schnelles Arbeiten zu hohen Preisen (Überstunden, teure externe Unterstützung, Nacharbeit unter Zeitdruck). Das Projekt „kauft“ Termintreue. Genau deshalb Trend beider gemeinsam lesen — und die EAC-Variante C (3.10) nutzen, wenn beide Ursachen zusammenhängen.
3 · Darf ich die Baseline ändern?
Nur über einen dokumentierten Beschluss (Change-Freigabe oder Rebaselining nach LA-Entscheidung), nie zur „Beseitigung“ von Abweichungen. Alte Baseline und die Abweichungshistorie bleiben archiviert — sonst verliert jede spätere Aussage ihre Referenz. (Glossar: Baseline; 3.11)
4 · EV ohne Projektsoftware — wie anfangen?
Mit einer Tabelle: je Arbeitspaket BAC-Anteil, Messregel, Ist-Status → EV-Summe (Muster in 3.2a). Für Projekte bis ~40 Paketen reicht das vollständig; der Werkzeug-Rechner hier setzt die Kennzahlen darauf. Die Messregel ist wichtiger als das Tool.
5 · Mein Auftraggeber will keine Indizes, „nur kurz sagen wie es steht“.
Übersetzen statt belehren: SPI 0,83 heißt „von sechs geplanten Wochen Arbeit sind fünf da“; CPI 0,88 heißt „je 100 € ausgegeben entsteht Wert für 88 €“. Im Bericht eine Zeile Laiendeutsch unter die Zahl setzen (6.1) — die Zahl bleibt für Nachvollziehbarkeit stehen.
6 · Ab wann ist EVA-Aufwand gerechtfertigt?
Faustregel: ab ~3 Monaten Laufzeit und ~20.000 € Volumen, oder wenn mehrere Teilprojekte zusammen gesteuert werden. Darunter reichen Meilensteintrend (4.4) + Budgetverbrauch. (3.11)
7 · Risiko ist eingetreten — was tun ich zuerst?
Vom Register ins Problemmanagement: Notfallmaßnahme, Auswirkung bewerten, Issue mit Owner; Reserve anfordern über die vereinbarte Freigabe (5.6), Eintritt und Folgen im Statusbericht, Risikoregister-Eintrag schließen oder Restrisiko neu bewerten. (Glossar: Risiko oder Problem)
8 · Wie viele Risiken sind „richtig“?
Zwischen 10 und 30 aktive Einträge sind bei Mittleren Projekten normal; entscheidend ist nicht die Zahl, sondern: jede Top-5 hat Owner, Maßnahme und Trigger. 80 Einträge ohne Pflege sind wertlos. (5.2, 5.7)
9 · Team liefert konstant weniger als geplant — Velocity erhöhen?
Velocity ist Messgröße, keine Zielgröße (4.3). Statt Druck: Kapazität prüfen (2.8: Linie? Urlaube?), Story-Größen und Definition of Done prüfen (7.5), Blocker im Daily sammeln. Steigt dann nichts: Planung an die Realität anpassen — nicht umgekehrt.
10 · Ein Stakeholder blockiert — Eskalation?
Erst die Matrix lesen (1.4): Bei hohem Einfluss hilft persönliche Einbindung meist mehr als formale Eskalation. Eskalieren erst, wenn eigene Mittel erschöpft sind — dann aber mit Sachverhalt, Auswirkung, Optionen, Empfehlung, Frist (6.3).
11 · Change-Freeze — darf der PM das anordnen?
Ein Freeze ist ein Beschluss des Gremiums, nicht des PM allein. Der PM beantragt mit Begründung (z. B. TCPI > 1,10), der LA beschließt und die Dauer/Bedingung steht im Entscheidungslog. Beispiel E-21 in 6.4.
12 · Was gehört in den Abschlussbericht?
Soll-Ist gegen Ziele (SMART, 1.3), EVA-Schlussstand (End-CPI als Lernzahl), Kosten- und Terminabweichung mit Ursachen, Risikoeintritte vs. Prognose (Qualität der Reserven!), Lessons Learned mit Zahlen, Übergabestand. Checkliste in A.2. (Glossar: Projektabschluss)

8Glossar: Begriffe von Abnahme bis Wertschöpfung

Das Glossar ist das Nachschlagewerk im Nachschlagewerk: jeder Begriff kurz erklärt, mit Quellenhinweis zum PMBOK Guide und Verweisen auf verwandte Einträge. Die Suche oben filtert live, die Kategorie-Chips grenzen ein. Einträge zu Kennzahlen und Schätzverfahren sind um die Werkzeug-Kapitel (Teile 2 bis 7) ergänzt.

Filter nach Kategorie:

WWerkzeuge: vier interaktive Rechner

Alle Rechner laufen ohne Internet, ohne Server, direkt in dieser Datei. Eingaben akzeptieren Komma und Punkt als Dezimaltrenner sowie Tausenderpunkte (z. B. „120.000“ oder „52,5“). Nichts wird gespeichert — beim Neuladen sind die Felder wieder auf Voreinstellung.

Werkzeug 1

EVA-Rechner

Basisgrößen eingeben — alle Kennzahlen, Ampeln und Interpretationen live. Beispielwerte aus Teil 3 (Stichtag M4) sind vorgegeben.

Annahme der EAC-Berechnung: EAC = BAC ÷ CPI (bisherige Kosteneffizienz hält an, Variante B aus 3.10). ETC = EAC − AC. TCPI gegen BAC.

Werkzeug 2

Risiko-Bewerter

Wahrscheinlichkeit und Auswirkung einstellen — Score, Ampelklasse, empfohlene Strategie und Position in der Matrix live (Skalen aus 5.3).

Der rote Punkt wandert mit den Reglern; Klassenfarben und Score je Feld wie in Abb. 5.1.

Werkzeug 3

Burndown-Demo

Gesamtaufwand und Zeitraum vorgeben, Simulation starten: es wird ein realistischer Verlauf mit Tagesrauschen, Wochenanlauf und Schlussansturm erzeugt — samt Ist-Kurve, Soll-Linie und Endprognose.

Jeder Klick erzeugt einen neuen Zufallsverlauf — wie im echten Projekt: dieselbe Planung, unterschiedlicher Tagesgeschäft.

Werkzeug 4

Meilenstein-Trend-Check

Je Meilenstein: ursprünglich geplanter Termin und aktuelle Prognose eintragen — der Check zeigt die Verschiebung in Tagen und den Trendpfeil (wie in 4.4). Datumsfelder acceptieren TT.MM.JJJJ oder JJJJ-MM-TT.

MeilensteinGeplant (ursprünglich)Aktuelle PrognoseTrend

Faustregel aus 4.4: zwei Berichte in Folge „verschlechtert“ = Thema in die Lenkungssitzung.